Erneut ist viel Zeit seit dem letzten Eintrag vergangen, erneut haben wir viel erlebt. Ich werde versuchen mich kurz zu halten, wer eine ausführlichere Version will (die existiert :-) ) kann mich kontaktieren und bekommt sie per mail.
Nach einer langen, aber bequemen und beeindruckenden (nur Anja hat die wunderbare Einöde ohne irgendein Zeichen von Zivilisation verschlafen) Busfahrt erreichten wir am 11. April kurz nach Mittag Los Antiguos nahe der Grenze zu Chile. Ein (nerviger) Israeli, der offensichtlich (wie jeder andere) gerade dem Militärdienst entfleucht war, wollte auf der anderen Seite der Grenze, in Chile Chico, unbedingt ein Auto mit uns und 2 Chilenen mieten („Kostet nur 25 USD pro Tag und Person und man kann es zurückgeben wo man will!“ – Ja klar *augenroll*) und selbst als wir ihnen bewiesen hatten, dass es doch viel mehr kostet wurden wir sie nicht mehr recht los…
Am nächsten Tag wollten wir unseren Plan, die Carretera Austral nach Norden zu stoppen in die Tat umsetzen. Für Unwissende: Die Carretera Austral ist Chiles größtes Straßenprojekt des 20. Jahrhunderts. Sie verläuft von Puerto Montt bis nach Villa O'Higgins über mehr als 1000 km. Der Bau begann in den späten 1970er Jahren und ist noch immer nicht vollständig abgeschlossen. Der größte Teil besteht aus einer einfachen Schotterpiste und ist dementsprechend abenteuerlich. Die Carretera Austral war die erste Landverbindung in die Region Aysen, die vorher nur per Schiff oder Flugzeug erreichbar war. Viele Orte wurden erst in den 80ern oder später ans Straßennetz angeschlossen. Blöderweise hatten wir den 3 anderen von unseren Plänen erzählt und nachdem aus dem Automieten nix geworden ist, wollten sie kurzerhand das Gleiche versuchen und stellten sich (leider früher als wir) an den Ortsausgang. Sehr ärgerlich. Wir blieben aber positiv und versuchten unser Glück etwas weiter außerhalb. Nach 4,5 Stunden und nur etwa 5 Autos pro Stunde mussten wir aber für diesen Tag dann doch aufgeben und blieben eher unfreiwillig noch eine Nacht länger. Unsere Stimmung war zu dem Zeitpunkt nicht besonders überragend und wurde nach einem Blick aus dem Fenster am nächsten Morgen auch nicht besser. Aber wenigstens wussten wir, dass die anderen 3 auch nicht weggekommen sind (wäre ja noch schöner gewesen). Naja, es war kalt und das Wetter war schlecht und da standen wir nun am Ortsausgang und beobachteten wie die zahlreichen Autos eines nach dem anderen von der Hauptstraße abbogen und kaum eines den Ort verließ.

Chile Chico mit der schnurgeraden Hauptstraße links
Unser erster Stopport. Nicht besonders erfolgreich. Wenigstens war das Wetter schön.
Als wir schon beschlossen hatten uns bald etwas Warmes zu suchen und am nächsten Tag die Fähre zu nehmen blieb doch tatsächlich einer stehen und nahm uns mit (nach insgesamt 6 Stunden). Giermo so sein Name war ein eifriger Geschäftsmann, der zwecks des Rinderkaufs in dieser Gegend unterwegs war. Dementsprechend blieb er auch des Öfteren stehen um mit berittenen in Felle gehüllten Gauchos auf der Straße oder an einer estancia über den Rinderpreis zu verhandeln. „Ich kaufe sie alle!“, sagte er uns des Öfteren. Leider war er aber nicht besonders erfolgreich (soviel wir verstanden haben). Nun verstanden wir auch warum so wenige Autos Chile Chico verlassen haben und die meisten Vehikel ziemlich protzige Pickups oder Jeeps sind: für die nächsten etwa 100 km kam nichts. Dieses war dafür übersät mit Schlaglöchern. Allein die Fahrt entlang des Lago General Carrera gen Südwesten in Richtung Carretera Austral war ein Abenteuer. Wir fuhren vorbei an karg bewachsenen Felsen, steilen Abhängen, Gletschern, einer Gold- und einer Edelsteinmine, Weiden, Wäldern und jeder Menge Rindern. Alle paar Kilometer änderte sich die Landschaft. Echt supi. Das schlechte Wetter passte ausgezeichnet zur Kargheit der Gegend und erzeugte eine düstere aber auch irgendwie melancholisch-romantische Stimmung. Giermo redete ununterbrochen, wollte alles Mögliche wissen und störte sich auch nicht daran, dass wir nicht immer besonders viel verstanden. In Puerto Gaudal kaufte er uns sogar je eine Banane und eine Nektarine. Wir habens ja nötig :-)
Mit Giermo fuhren wir bis Puerto Rio Tranquillo um uns die Cavernas de Marmól anzusehen, höhlenartige Gebilde aus Marmor, die per Boot besichtigt werden können. Wie uns der Bootsführer in schönstem auswendig gelerntem Spanisch erklärte, entstanden sie aus zementartigem Material (vulkanisch), das durch den Druck der Gletscher in der Eiszeit zu Marmor umgewandelt wurde. Als die Gletscher zurückwichen wusch der See die nicht verfestigten Teile aus dem Gestein heraus und die Höhlen entstanden. Man steinige mich bitte nicht sollte das nicht ganz stimmen, es war ja immerhin auf Spanisch. Ansonsten ist in Puerto Rio Tranquillo der Name Programm. Da wir weit außerhalb der Saison dort waren, gab es dort ziemlich viel von gar nichts. Wir konnten nicht einmal andere Touristen finden, die sich mit uns die Tour teilten, damit sie billiger wird. Dafür bekamen wir eine Privatführung.
Die Cavernas de Marmól. Kalenderfoto von Anja :-)
Wir vor der sogenannten Catedral.
Nach einer erfrischenden Nacht im unbeheizten Hostel wollten wir nach Coyhaique, der regionalen Hauptstadt weiter stoppen. Nun ist in Puerto Rio Tranquillo noch weniger Verkehr als in Chile Chico und so nahmen wir nach 2,5 Stunden doch lieber den Bus. Es war Anjas Geburtstag, darum wollten wir uns was leisten und gingen am Abend schick essen. Unsere erste nicht selbst gekochte Mahlzeit, lecker. Zuvor hatten wir zufällig Jenna (siehe letzte Einträge) wieder getroffen, die auf anderen Wegen per Autostop nach Coyhaique gekommen war. Ziemlich lustig.
Bereits tags darauf gings weiter nach Norden. Dieses Mal mit Teodosio, einem Grundstückswertschätzer (heißt das so? er schätzt jedenfalls den Wert von Ländereien) aus Santiago. Er war selbst zum ersten Mal in dieser Gegend unterwegs, also auch Tourist. Das hatte den Vorteil, dass er des Öfteren stehen blieb um Fotos zu machen und sogar einen Abstecher in einen Nationalpark mit seinem verwunschenen Wald (bosque encantado) mit uns machte. Die Straße war wiedermal ein Hit. Der größte Teil war asphaltiert und supi befahrbar. Die Landschaft war zunächst karg, mit einigen Weiden und jahrzehntealten toten Bäumen, die hier extrem langsam verwesen, dann kamen immer mehr und höhere Bäume hinzu. Der letzte Teil aber führte auf einer holprigen, engen Schotterpiste mitten durch einen Regenwald, der sich an steilen Hängen unter verschneiten Bergspitzen ausbreitete. Man konnte kaum einen Meter weit in den Wald sehen so dicht bewachsen war der Straßenrand. Kurz vor Puyuhuapi, wohin Teodosio unterwegs war, mussten wir gar auf eine Fähre, weil die Straße blockiert war. Puyuhuapi ist ein kleines Fischerdorf, das von 4 deutschen Auswanderern gegründet wurde und in Zeiten, in denen Wolle noch etwas wert war, wohl recht gut dastand. Heute ist es dort eher trostlos, besonders in der Nebensaison. Unser Ziel für diesen Tag war aber La Junta, 40 km weiter und so streckten wir weiterhin den Daumen in die Luft. Die blockierte Straße hatte den Vorteil, dass die spärlichen Autos jede Stunde grüppchenweise vorbeikamen und wir so etwas Zeit für Sightseeing hatten. Aber wie gesagt, trostlos und so, nach 20 Minuten war das Sightseeing wieder vorbei. Glücklicherweise kam bald ein Schulbus angefüllt mit lauter 17jährigen Mädchen vorbei und nahm uns mit. Das war vielleicht lustig. Und laut. Die Mädels schienen recht begeistert von uns (mir) und stimmten sogar etliche Liebeslieder an. In La Junta lernten wir in der Unterkunft dann noch einen sehr beeindruckenden Japaner kennen, der seit 5 Jahren und 2 Monaten die Welt mit seinem Fahrrad bereist. Wir waren echt beeindruckt von seinen 73000 Radkilometern und etwas belustigt von seinen kleinen Seitenhieben gegenüber seiner Partnerin, die ihn seit ein paar Monaten begleitet („Mir macht die Kälte ja nix aus, aber ihr ist ständig kalt.“ Usw.).

Die Straße durch den Regenwald
Gletscher mit beeindruckendem Schmelzwasserwasserfall im Nationalpark
Der bosque encantado - verzauberter Wald
So sah vielfach die Straße aus, übersäht von Schlaglöchern. Zum Glück hatte Teodosio ein SUV ;-)
Im Bus mit lauter Mädels. Das war vielleicht ein Spaß.
Da wir uns wegen Anjas Geburtstag auch einmal etwas gönnen wollten wanderten wir am nächsten Tag zu einer netten kleinen estancia, die erstaunlich luxuriös (weiße Leintücher, privates Bad…) und gut ausgestattet war und blieben wetterbedingt (natürlich Regen und kalt) den ganzen Nachmittag in unserem erst 2. Doppelbett der Reise. Abends gab es ein leckeres von der Großmutter gekochtes Essen (Schaf) und wir unterhielten uns noch lange über das harte Leben früher, das schöne Leben heute, die vielen Touristen usw. auch wenn wir nur die Hälfte verstanden.
Unser nächstes Ziel war eigentlich Futaleufu an der Grenze zu Argentinien aber es war Sonntag und regnerisch und die Straße war noch spärlicher befahren als sonst. Außerdem gab es 15 km außerhalb von La Junta einen Rindermarkt oder sowas ähnliches, der alle Aufmerksamkeit auf sich zog. So war unser Stoppen zunächst erfolglos. Erst als ich an der Tankstelle einen LKW Fahrer direkt ansprach kamen wir ein Stück weiter, bis nach Villa Santa Lucia. Diesen Ort an der Abzweigung nach Futaleufu möchten wir beide nicht noch einmal besuchen. Als wir ankamen regnete es in Strömen, so gingen wir zur ersten Hospedaje die wir sahen um eine Unterkunft zu erbeten (es war bereit 18 Uhr). Die recht grantig wirkende Frau kam heraus, beantwortete brav unsere Fragen nach Verfügbarkeit, Preis und Bad aber als wir uns das Zimmer ansehen wollten sagte sie plötzlich „No“, „No?“ fragten wir, „No!“ wiederholte sie und so mussten wir ohne einen für uns ersichtlichen Grund zurück in den Regen. Das Problem an Villa Santa Lucia ist nun, dass es nicht unbedingt von Unterkünften wimmelt. So durchquerten wir mehrmals den Ort, konnten aber außer teuren cabañas nichts finden. In immer nasserem Zustand fragten wir uns schließlich zu einer anderen Hospedaje (zum Glück hatte Anja am Ortseingang das Schild gesehen) durch. Ohne Aufschrift auf dem Haus war diese auch relativ schwer zu finden, aber am Ende konnten wir doch noch unsere Kleider trocknen (wir bekamen sogar ein Stück Kuchen!) und uns in ein müffelndes offensichtlich nicht frisch bezogenes enges Bett kuscheln.
Der nächste Tag begann wie der letzte geendet hatte. Es war neblig, feucht und kalt. Ich glaube es verging nicht eine Minute in diesem Ort an dem nicht Wasser in irgendeiner Form vom Himmel fiel. Mal nieselte es ganz leicht, dann stärker, dann regnete es richtig oder es war zumindest extrem feucht. Ich glaube die bedauernswerten Bewohner von Villa Santa Lucia haben noch nie die Spitze der sie umgebenden Berge sehen können und wissen wahrscheinlich gar nicht ob diese überhaupt eine Spitze haben, so wolkenverhangen und trist war es dort. Und dementsprechend freundlich waren auch die Menschen (mit Ausnahme des Mannes in der Unterkunft, der war recht nett).
Villa Santa Lucia. So trostlos war es wirklich!
Man munkelte aber von einem Bus, der irgendwann zwischen 1 und 2 am Nachmittag vorbeikommen sollte. Aber was machen wir bis dahin? Natürlich stoppen. In einem überdachten Unterstand eines Mechanikers, der gerade an einem alten Bus rumschraubte konnten wir uns vor dem Regen in Sicherheit bringen und nach einem unfreundlichen Tee begannen wir gegen 10 unsere Unternehmung. Keine 3,5 Stunden später, nahm uns auch schon das 5. Auto, das vorbeikam mit. Das erwies sich als echter Glücksgriff. Clara und Joaquin waren zwei junge Argentinier aus Buenos Aires, die in ihrem ziemlich coolen und v.a. super ausgestatteten VW Bus den gesamten Kontinent bereisen wollen. Lustigerweise hatten wir das Vehikel bereits in Ushuaia vorbeifahren sehen und kurz vor Los Antiguos mit dem Bus überholt. Nun saßen wir also auf der Rückbank und konnten der Tristess von Villa Santa Lucia entfliehen. Und tatsächlich, nach wenigen Kilometern wurde das Wetter besser, die Landschaft schöner und unsere Stimmung heiterer. Einen kurzen Zwischenstopp in Futaleufu (hätte sich bei richtig schönem Wetter wahrscheinlich ausgezahlt kurz dort zu bleiben) später passierten wir die Grenze und kaum in Argentinien schien wieder die Sonne. Es war der 18. April gegen 18 Uhr als wir in Esquel ankamen. Wir trauten unseren Augen kaum in Anbetracht der Fülle an Obst, Gemüse und anderen Produkten im Supermarkt (wer einmal auf der Carretera Austral unterwegs war weiß wovon ich spreche. Etwa einmal pro Woche (falls überhaupt) wird frische Ware in die kleinen Geschäfte geliefert. Allerdings wissen nur die Einheimischen wann dieser Tag ist und kriegen deshalb auch das Beste ab. Was dann so übrig bleibt lädt in den meisten Fällen nicht besonders zum Verzehr ein). Und endlich konnten wir (nach 2 Wochen) mal wieder Wäsche waschen lassen. Wir genossen den Abend in unserer sauberen, schönen und leeren Unterkunft und dachten wehmütig an die Abenteuer der letzten Woche zurück, bevor wir sanft dahinschlummerten.
Highs und Lows der Carretera Austral:
Highs: Die Carretera Austral innerhalb eines Fahrzeuges: Die Straße ist echt cool, die Landschaft teilweise atemberaubend und total abwechslungsreich. Können wir nur weiterempfehlen.
Stoppen: War ein echt tolles Erlebnis, meistens von Erfolg gekrönt und lustig.
Cavernas de Marmól: hat uns sehr gut gefallen, besonders da wir zu 2. dort waren
Hospedaje Mirador del Rio: diese Estancia nahe La Junta war zwar etwas teurer als unsere sonstigen Unterkünfte, dafür bekamen wir dort aber auch das beste Abendessen und Frühstück unserer bisherigen Reise und die alte Dame ist echt herzlich
Touristeninfo in Coyhaique: wir waren in 2 Büros und beide waren sehr freundlich, professionell und kannten sich gut aus
Lows: Die Carretera Austral außerhalb eines Fahrzeuges bei Regen: so schön die Straße auch ist, wenn man bei schlechtem Wetter stundenlang auf ein vorbeikommendes Auto warten muss kann es etwas mühsam werden. Bäh.
Villa Santa Lucia: wie gesagt, diesen Ort wollen wir beide nicht noch einmal besuchen :-)