Es war noch nicht einmal 7 Uhr, wir standen am Busbahnhof in Bogotá und überlegten. Wir sind nicht so die Großstadttypen, die Zeit drängte etwas und so kamen wir bald zu der Entscheidung, der vergangenen Nacht im Bus eine weitere folgen zu lassen. Nach einigem umher fragen im wirklich übersichtlichen Terminal hatten wir unsere Tickets nach Cartagena an der Karibikküste gekauft, unser Gepäck abgegeben und beschlossen lediglich diesen Sonntag, 24. Juli, der Hauptstadt Kolumbiens zu widmen. Ähnlich wie in Quito lag auch hier der Busbahnhof weit außerhalb des Zentrums, aber diverse Busse warteten vor der Tür und wir nahmen natürlich einen, wo „Centro“ draufstand. Die Fahrt ging los und wir kamen unserem Ziel tatsächlich näher, auch wenn die Gegend, die wir durchfuhren selbiges nicht vermuten ließ. Aber an einer Kreuzung schlug der Bus dann die falsche Richtung ein, statt nach Norden fuhr er nach Süden, vom Zentrum weg. Wir waren uns nicht mehr sicher, ob wir denn das richtige Transportmittel gewählt hatten, denn immer mehr entfernte sich der Bus von unserem Ziel. Plötzlich rief uns dann der Busfahrer zu sich und sagte wir sollten aussteigen und den Bus auf der anderen Straßenseite nehmen, denn der fahre ins Zentrum, dieser hier nicht. Etwas verwirrt folgten wir seinen Anweisungen und gelangten, nach insgesamt über einer Stunde, mit dem zweiten Bus auch tatsächlich wohin wir wollten.
Auch in Bogotá sind sonntags stets viele Straßen für den Verkehr gesperrt und werden stattdessen von Radfahrern und Fußgängern in Beschlag genommen. Sehr angenehm. Architektonisch konnte diese Stadt allerdings nicht mit dem wundervollen Quito mithalten. Wir spazierten etwas durch die sehr verlassenen Straßen und suchten ein Frühstück. Bei dieser Gelegenheit probierten wir gleich ein Tamal, ein in Bananenblättern eingewickelter, gedünsteter Gatsch aus Hühnchen, Maisbrei und noch ein paar anderen Zutaten, typisch für Kolumbien und auch sehr lecker. Danach statteten wir einem nahen Flohmarkt einen kurzen Besuch ab, fanden aber nichts Interessantes.
Höhepunkt des Tages war das grandiose Goldmuseum, das größte seiner Art in Kolumbien. In 3 Stockwerken sind tausende Goldarbeiten der diversesten kolumbianischen Kulturen ausgestellt, klug sortiert und mit wenig (juhuu!) Text beschrieben. Und sonntags war der Eintritt sogar kostenlos, was hunderte andere Leute leider auch wussten.
Später spazierten wir zum Hauptplatz, der Plaza de Bolívar, wo die wichtigsten Gebäude der Stadt versammelt waren, die Kathedrale, das Rathaus, der Justizpalast und der nationale Kongress. Viele Menschen genossen den sonnigen Nachmittag auf der Plaza, fütterten Tauben (ein beliebter Sport in Südamerika), ließen Fotos von sich machen und gaben ihren Kindern Auslauf. Wir wussten leider bald nicht mehr so recht was wir mit den Stunden bis zur Abfahrt des Busses anfangen sollten und schlugen uns die Zeit mit rumsitzen und Leute beobachten tot.
Eigentlich viel zu früh machten wir uns wieder auf den Weg zum Busbahnhof, aber dank des suboptimalen öffentlichen Verkehrsnetzes der Stadt kamen wir nicht unbedingt viel zu früh dort an. Unser Bus hatte die Aufschrift „Concorde“ und allein das hätte uns in puncto Zuverlässigkeit schon stutzig machen sollen. Er war recht komfortabel und wir schliefen auch gut, nur die Klimaanlage war, wie immer, zu stark aufgedreht und es war sehr kalt. Das änderte sich aber sobald wir das Flachland erreichten. Von Stunde zu Stunde kam es uns wärmer vor und als wir fürs Mittagessen am nächsten Tag ausstiegen merkten wir, wie heiß es plötzlich war und waren heilfroh über den kühlen Bus. So ging die Fahrt dahin, immer Richtung Meer. Stunde um Stunde verging und so langsam kamen uns Zweifel, ob die 20 Stunden, die uns die Dame am Ticketschalter versprochen hatte auch wirklich stimmten. Taten sie nicht. Nach über 22 Stunden Fahrt, es begann bereits wieder zu dämmern, erreichten wir endlich eine große Stadt, nachdem wir schon eine Stunde am Meer entlang Richtung Westen gefahren waren. Unsere Freude wich aber bitterer Enttäuschung, als wir bemerkten, dass es sich nicht um Cartagena, sondern um Barranquilla handelte. Zu allem Überfluss mussten wir nun auch noch den Bus wechseln, denn für die lediglich 5 verbliebenen Fahrgäste zahlte sich eine Weiterfahrt offenbar nicht aus. Wir waren etwas grantig deswegen, hatten aber keine Wahl. Auch die angekündigten 2 Stunden nach Cartagena stimmten natürlich nicht und so erreichten wir unser Ziel erst nach Einbruch der Nacht (schon wieder), nach 25 (!!!) Stunden Fahrt. Aufsummiert hatten die 5 Busse, mit denen wir bis jetzt in Kolumbien das Vergnügen hatten etwa 10 Stunden an Verspätungen gesammelt, eine stolze Bilanz.
Natürlich liegt auch in Cartagena der Busbahnhof weit außerhalb des Zentrums. Wir suchten lange bis wir endlich eine Infostelle fanden, wo wir Auskünfte über den Stadtverkehr bekamen. Allerdings machte uns die Dame dort etwas Angst, weil die Gegend, wo wir hin wollten, angeblich nachts nicht sicher sei. Wir versuchten es trotzdem mit dem Bus und hatten natürlich wieder einmal keinerlei Probleme. Für eine preislich passende und auch verfügbare Unterkunft mussten wir aber recht lange suchen.
Cartagena ist heiß, teuer und mit einer mangelhaften Wasserversorgung ausgestattet. Als wir am nächsten Morgen aufstanden bemerkten wir nämlich, dass wir kein Wasser im Zimmer hatten. „Die Tanks werden gerade gereinigt, das ist alle paar Monate so. Die ganze Stadt hat kein Wasser“, erklärte man uns an der Rezeption, „Das dauert bis morgen um 14 Uhr. Aber wir haben eh zwei Reservetanks am Dach, die voll sind.“ Toll, die ganze Stadt war ohne Wasser und unser Plan hier Wäsche zu waschen gescheitert.
Es war brütend heiß und unerträglich schwül, trotzdem wollten wir die historische Altstadt der angeblich schönsten Stadt Kolumbiens erkunden. Cartagena war über Jahrhunderte der wichtigste Hafen der Spanier in Südamerika. Von hier aus wurde das geraubte Gold und Silber des Kontinents nach Spanien verschifft. Ein dementsprechend attraktives Ziel gab die unbefestigte Stadt daher im 16. Jahrhundert für Piraten ab und wurde des Öfteren überfallen und geplündert. Nach einem besonders verheerenden Angriff von Francis Drake 1586 beschlossen die Spanier die Stadt zur Festung auszubauen und umgaben sie mit meterdicken Mauern, Bastionen und Geschützen. Und genau dieser umschlossene Teil der Stadt ist bis heute wundervoll erhalten geblieben. Wir verbrachten mehrere Stunden damit durch die Gassen, auf den Mauern und über die Plazas zu schlendern und genossen den wundervollen Anblick.
Die Befestigungsanlagen der Stadt
Monument für den Stadtgründer Pedro de Heredia
Typische Gasse in der Altstadt mit den netten kolonialen Gebäuden
Weil wir noch etwas Geld aus anderen Ländern übrig hatten, hielten wir Ausschau nach Wechselmöglichkeiten. Als wir gerade die Altstadt durch das schöne Haupttor, die Puerta del Reloj, verließen sprach uns ein nicht besonders vertrauenserweckender Mann an, ob wir Dollar wechseln wollten. Wir verneinten, sagten aber, dass wir noch brasilianische Reais hätten. Sofort machte er uns ein wesentlich besseres Angebot als sämtliche Wechselstuben, die wir bis dahin gefragt hatten. Also sahen wir uns den Deal etwas näher an, prüften die Geldscheine, die er uns anbot so gut wir konnten und fragten nach, warum er uns denn so viele kolumbianische Pesos geben will, wo doch alle anderen Wechsler wesentlich schlechtere Kurse hätten. „Das ist, weil ich kein Büro hab und keine Miete zahlen muss.“, antwortete der Mann, immer mit wachsamen Auge die Umgebung beobachtend. Mehrmals zog er uns von unserem Standort weg, um nicht ins Visier der patroulierenden Polizisten zu kommen. Schließlich willigten wir dem Geschäft ein. Ohne zu zögern gab mir der Mann ein Bündel Geldscheine in die Hand, damit ich nachzählen könne. Das tat ich auch, während Anja die brasilianischen Reais festhielt. Ich war zufrieden und wollte das Geld schon einstecken, da sagte der Mann ich solle zur Sicherheit nochmal zählen. Also zählte ich nochmal. „Freundlich“ wie er war, bot mir der Mann an die großen Scheine zu halten, damit ich die kleinen leichter zählen könne und nahm mir den Großteil der Summe wieder aus der Hand. Und wie aus dem Nichts tauchte plötzlich ein zweiter Mann auf und sagte: „Schnell, wir müssen weg, schnell schnell!“ In der Hektik hielt mir unser Dealer nun erneut ein Bündel Geldscheine entgegen, die ich schnell nehmen und verschwinden sollte. Wir erkannten sofort, dass es nicht die ganze versprochene Summe war, sondern nur ein kleiner Teil davon und sagten, dass da noch etwas fehle. In der nächsten Sekunde riss er mir das Geld wieder aus der Hand und war verschwunden. Wir standen zunächst etwas verdutzt da und fragten uns, ob er jetzt wirklich versucht hat uns dermaßen billig zu betrügen, denn das brasilianische Geld hatte Anja nie aus der Hand gegeben. Trotzdem beschlossen wir die Gegend zügig zu verlassen, zumal gerade ein Polizist in Anmarsch war. Einen so schlechten Trickbetrüger hatten wir noch nicht gesehen, aber offensichtlich muss dieser Trick schon mal funktioniert haben, denn sonst würde er ihn wohl nicht anwenden. :-)
In den Banken, die wir danach besuchten hatten wir ebenfalls kein Glück, denn nicht einmal die Bancolombia, die Staatsbank, wechselte etwas anderes als US-Dollar und Euro. Das zeugt von Vertrauen in seine Nachbarländer…
Am Nachmittag spazierten wir noch eine Weile durch die Altstadt, trafen zufällig Magnus, den Schweden von unserer Galapagos-Tour wieder und probierten einen Fruchtshake. Kolumbien ist berühmt für allerlei bei uns unbekannte Früchte und wir wollten alle ausprobieren. An diesem Tag versuchten wir Lulo (in der Folge Anjas Lieblingssaft) und Curumba (auch lecker), jeweils mit Milch gemixt. Bevor wir zurück ins Hotel gingen, es wurde schon langsam dunkel, durften wir noch einer Tanzaufführung von erschreckend dürren Mädchen beiwohnen, die das bisschen Körper aber mit aller Gewalt schüttelten, sowie einer wirklich guten Breakdance-Truppe, wo wir allein schon vom Zusehen Muskelkater bekamen. Glücklicherweise hatten die Leute an der Rezeption nicht gelogen, es gab Wasser aus dem Reservetank und wir konnten unsere klebrigen Körper vom vielen angetrockneten Schweiß des Tages befreien.
Cartagena war zwar wunderschön, aber wir hatten alles was wir sehen wollten gesehen und beschlossen darum nach Santa Marta weiterzufahren. Dieses Mal war es unerträglich heiß und erdrückend schwül, wie immer in Cartagena. Gegen Mittag nahmen wir den Bus zum Busbahnhof, dessen Klimaanlage die letzte Sitzreihe leider nicht abdeckte. Dort angekommen bestand ein junger Mann darauf, uns ungefragt und gegen unseren Willen alle Ticketschalter zu zeigen (ein Tourist ist ja nicht in der Lage einen Schalter ohne Hilfe zu finden). Ein Trinkgeld verlangte er darum auch vergeblich. Wir fanden ganz allein den günstigsten Bus und fragten zum Spaß wie lange die Reise denn dauern würde. „4 Stunden bis Santa Marta“, war die Antwort. Es waren am Ende fast 5,5, aber damit hatten wir eh schon gerechnet :-)
Wie sich bald herausstellte, war der Busbahnhof in Santa Marta noch etwas blöder angelegt als die bisherigen. Zwar gibt es Stadtbusse ins Zentrum, diese nahmen aber nur Passagiere ohne Gepäck mit. Sehr sinnfrei. Also blieb uns nur ein Taxi. Wir bemühten uns sehr darum nicht vom Taxifahrer aufs Kreuz gelegt zu werden und fragten sogar, erneut überaus freundlichen, Polizisten um Rat. Es half aber alles nix, das Taxi musste sein. Wie wir erst zwei Wochen später erfuhren hätte es an der keine 100 Meter entfernten Hauptstraße Busse bis direkt nach Taganga, unserem eigentlichen Ziel gegeben, aber das sagte uns an diesem Tag keiner. Erneut war es bereits dunkel als wir unser Hotel bezogen, aber von Gefahr im angeblich so gefährlichen Kolumbien war erneut keine Spur und wir gönnten uns an der nahen Strandpromenade einen weiteren Fruchtshake.











































