Montag, 5. September 2011

Bogota und Cartagena


Es war noch nicht einmal 7 Uhr, wir standen am Busbahnhof in Bogotá und überlegten. Wir sind nicht so die Großstadttypen, die Zeit drängte etwas und so kamen wir bald zu der Entscheidung, der vergangenen Nacht im Bus eine weitere folgen zu lassen. Nach einigem umher fragen im wirklich übersichtlichen Terminal hatten wir unsere Tickets nach Cartagena an der Karibikküste gekauft, unser Gepäck abgegeben und beschlossen lediglich diesen Sonntag, 24. Juli, der Hauptstadt Kolumbiens zu widmen. Ähnlich wie in Quito lag auch hier der Busbahnhof weit außerhalb des Zentrums, aber diverse Busse warteten vor der Tür und wir nahmen natürlich einen, wo „Centro“ draufstand. Die Fahrt ging los und wir kamen unserem Ziel tatsächlich näher, auch wenn die Gegend, die wir durchfuhren selbiges nicht vermuten ließ. Aber an einer Kreuzung schlug der Bus dann die falsche Richtung ein, statt nach Norden fuhr er nach Süden, vom Zentrum weg. Wir waren uns nicht mehr sicher, ob wir denn das richtige Transportmittel gewählt hatten, denn immer mehr entfernte sich der Bus von unserem Ziel. Plötzlich rief uns dann der Busfahrer zu sich und sagte wir sollten aussteigen und den Bus auf der anderen Straßenseite nehmen, denn der fahre ins Zentrum, dieser hier nicht. Etwas verwirrt folgten wir seinen Anweisungen und gelangten, nach insgesamt über einer Stunde, mit dem zweiten Bus auch tatsächlich wohin wir wollten.

Auch in Bogotá sind sonntags stets viele Straßen für den Verkehr gesperrt und werden stattdessen von Radfahrern und Fußgängern in Beschlag genommen. Sehr angenehm. Architektonisch konnte diese Stadt allerdings nicht mit dem wundervollen Quito mithalten. Wir spazierten etwas durch die sehr verlassenen Straßen und suchten ein Frühstück. Bei dieser Gelegenheit probierten wir gleich ein Tamal, ein in Bananenblättern eingewickelter, gedünsteter Gatsch aus Hühnchen, Maisbrei und noch ein paar anderen Zutaten, typisch für Kolumbien und auch sehr lecker. Danach statteten wir einem nahen Flohmarkt einen kurzen Besuch ab, fanden aber nichts Interessantes.

Höhepunkt des Tages war das grandiose Goldmuseum, das größte seiner Art in Kolumbien. In 3 Stockwerken sind tausende Goldarbeiten der diversesten kolumbianischen Kulturen ausgestellt, klug sortiert und mit wenig (juhuu!) Text beschrieben. Und sonntags war der Eintritt sogar kostenlos, was hunderte andere Leute leider auch wussten.

 Ein paar Ausstellungsstücke aus dem Museum

 
Später spazierten wir zum Hauptplatz, der Plaza de Bolívar, wo die wichtigsten Gebäude der Stadt versammelt waren, die Kathedrale, das Rathaus, der Justizpalast und der nationale Kongress. Viele Menschen genossen den sonnigen Nachmittag auf der Plaza, fütterten Tauben (ein beliebter Sport in Südamerika), ließen Fotos von sich machen und gaben ihren Kindern Auslauf. Wir wussten leider bald nicht mehr so recht was wir mit den Stunden bis zur Abfahrt des Busses anfangen sollten und schlugen uns die Zeit mit rumsitzen und Leute beobachten tot.

Die Kathedrale von Bogotá

Eigentlich viel zu früh machten wir uns wieder auf den Weg zum Busbahnhof, aber dank des suboptimalen öffentlichen Verkehrsnetzes der Stadt kamen wir nicht unbedingt viel zu früh dort an. Unser Bus hatte die Aufschrift „Concorde“ und allein das hätte uns in puncto Zuverlässigkeit schon stutzig machen sollen. Er war recht komfortabel und wir schliefen auch gut, nur die Klimaanlage war, wie immer, zu stark aufgedreht und es war sehr kalt. Das änderte sich aber sobald wir das Flachland erreichten. Von Stunde zu Stunde kam es uns wärmer vor und als wir fürs Mittagessen am nächsten Tag ausstiegen merkten wir, wie heiß es plötzlich war und waren heilfroh über den kühlen Bus. So ging die Fahrt dahin, immer Richtung Meer. Stunde um Stunde verging und so langsam kamen uns Zweifel, ob die 20 Stunden, die uns die Dame am Ticketschalter versprochen hatte auch wirklich stimmten. Taten sie nicht. Nach über 22 Stunden Fahrt, es begann bereits wieder zu dämmern, erreichten wir endlich eine große Stadt, nachdem wir schon eine Stunde am Meer entlang Richtung Westen gefahren waren. Unsere Freude wich aber bitterer Enttäuschung, als wir bemerkten, dass es sich nicht um Cartagena, sondern um Barranquilla handelte. Zu allem Überfluss mussten wir nun auch noch den Bus wechseln, denn für die lediglich 5 verbliebenen Fahrgäste zahlte sich eine Weiterfahrt offenbar nicht aus. Wir waren etwas grantig deswegen, hatten aber keine Wahl. Auch die angekündigten 2 Stunden nach Cartagena stimmten natürlich nicht und so erreichten wir unser Ziel erst nach Einbruch der Nacht (schon wieder), nach 25 (!!!) Stunden Fahrt. Aufsummiert hatten die 5 Busse, mit denen wir bis jetzt in Kolumbien das Vergnügen hatten etwa 10 Stunden an Verspätungen gesammelt, eine stolze Bilanz.

Natürlich liegt auch in Cartagena der Busbahnhof weit außerhalb des Zentrums. Wir suchten lange bis wir endlich eine Infostelle fanden, wo wir Auskünfte über den Stadtverkehr bekamen. Allerdings machte uns die Dame dort etwas Angst, weil die Gegend, wo wir hin wollten, angeblich nachts nicht sicher sei. Wir versuchten es trotzdem mit dem Bus und hatten natürlich wieder einmal keinerlei Probleme. Für eine preislich passende und auch verfügbare Unterkunft mussten wir aber recht lange suchen.

Cartagena ist heiß, teuer und mit einer mangelhaften Wasserversorgung ausgestattet. Als wir am nächsten Morgen aufstanden bemerkten wir nämlich, dass wir kein Wasser im Zimmer hatten. „Die Tanks werden gerade gereinigt, das ist alle paar Monate so. Die ganze Stadt hat kein Wasser“, erklärte man uns an der Rezeption, „Das dauert bis morgen um 14 Uhr. Aber wir haben eh zwei Reservetanks am Dach, die voll sind.“ Toll, die ganze Stadt war ohne Wasser und unser Plan hier Wäsche zu waschen gescheitert.

Es war brütend heiß und unerträglich schwül, trotzdem wollten wir die historische Altstadt der angeblich schönsten Stadt Kolumbiens erkunden. Cartagena war über Jahrhunderte der wichtigste Hafen der Spanier in Südamerika. Von hier aus wurde das geraubte Gold und Silber des Kontinents nach Spanien verschifft. Ein dementsprechend attraktives Ziel gab die unbefestigte Stadt daher im 16. Jahrhundert für Piraten ab und wurde des Öfteren überfallen und geplündert. Nach einem besonders verheerenden Angriff von Francis Drake 1586 beschlossen die Spanier die Stadt zur Festung auszubauen und umgaben sie mit meterdicken Mauern, Bastionen und Geschützen. Und genau dieser umschlossene Teil der Stadt ist bis heute wundervoll erhalten geblieben. Wir verbrachten mehrere Stunden damit durch die Gassen, auf den Mauern und über die Plazas zu schlendern und genossen den wundervollen Anblick.

Plaza de San Pedro Claver mit seinen Figuren die Schach spielen und anderen Freizeitaktivitäten nachgehen

Die Befestigungsanlagen der Stadt



Monument für den Stadtgründer Pedro de Heredia

 Typische Gasse in der Altstadt mit den netten kolonialen Gebäuden

Weil wir noch etwas Geld aus anderen Ländern übrig hatten, hielten wir Ausschau nach Wechselmöglichkeiten. Als wir gerade die Altstadt durch das schöne Haupttor, die Puerta del Reloj, verließen sprach uns ein nicht besonders vertrauenserweckender Mann an, ob wir Dollar wechseln wollten. Wir verneinten, sagten aber, dass wir noch brasilianische Reais hätten. Sofort machte er uns ein wesentlich besseres Angebot als sämtliche Wechselstuben, die wir bis dahin gefragt hatten. Also sahen wir uns den Deal etwas näher an, prüften die Geldscheine, die er uns anbot so gut wir konnten und fragten nach, warum er uns denn so viele kolumbianische Pesos geben will, wo doch alle anderen Wechsler wesentlich schlechtere Kurse hätten. „Das ist, weil ich kein Büro hab und keine Miete zahlen muss.“, antwortete der Mann, immer mit wachsamen Auge die Umgebung beobachtend. Mehrmals zog er uns von unserem Standort weg, um nicht ins Visier der patroulierenden Polizisten zu kommen. Schließlich willigten wir dem Geschäft ein. Ohne zu zögern gab mir der Mann ein Bündel Geldscheine in die Hand, damit ich nachzählen könne. Das tat ich auch, während Anja die brasilianischen Reais festhielt. Ich war zufrieden und wollte das Geld schon einstecken, da sagte der Mann ich solle zur Sicherheit nochmal zählen. Also zählte ich nochmal. „Freundlich“ wie er war, bot mir der Mann an die großen Scheine zu halten, damit ich die kleinen leichter zählen könne und nahm mir den Großteil der Summe wieder aus der Hand. Und wie aus dem Nichts tauchte plötzlich ein zweiter Mann auf und sagte: „Schnell, wir müssen weg, schnell schnell!“ In der Hektik hielt mir unser Dealer nun erneut ein Bündel Geldscheine entgegen, die ich schnell nehmen und verschwinden sollte. Wir erkannten sofort, dass es nicht die ganze versprochene Summe war, sondern nur ein kleiner Teil davon und sagten, dass da noch etwas fehle. In der nächsten Sekunde riss er mir das Geld wieder aus der Hand und war verschwunden. Wir standen zunächst etwas verdutzt da und fragten uns, ob er jetzt wirklich versucht hat uns dermaßen billig zu betrügen, denn das brasilianische Geld hatte Anja nie aus der Hand gegeben. Trotzdem beschlossen wir die Gegend zügig zu verlassen, zumal gerade ein Polizist in Anmarsch war. Einen so schlechten Trickbetrüger hatten wir noch nicht gesehen, aber offensichtlich muss dieser Trick schon mal funktioniert haben, denn sonst würde er ihn wohl nicht anwenden. :-)

In den Banken, die wir danach besuchten hatten wir ebenfalls kein Glück, denn nicht einmal die Bancolombia, die Staatsbank, wechselte etwas anderes als US-Dollar und Euro. Das zeugt von Vertrauen in seine Nachbarländer…

Am Nachmittag spazierten wir noch eine Weile durch die Altstadt, trafen zufällig Magnus, den Schweden von unserer Galapagos-Tour wieder und probierten einen Fruchtshake. Kolumbien ist berühmt für allerlei bei uns unbekannte Früchte und wir wollten alle ausprobieren. An diesem Tag versuchten wir Lulo (in der Folge Anjas Lieblingssaft) und Curumba (auch lecker), jeweils mit Milch gemixt. Bevor wir zurück ins Hotel gingen, es wurde schon langsam dunkel, durften wir noch einer Tanzaufführung von erschreckend dürren Mädchen beiwohnen, die das bisschen Körper aber mit aller Gewalt schüttelten, sowie einer wirklich guten Breakdance-Truppe, wo wir allein schon vom Zusehen Muskelkater bekamen. Glücklicherweise hatten die Leute an der Rezeption nicht gelogen, es gab Wasser aus dem Reservetank und wir konnten unsere klebrigen Körper vom vielen angetrockneten Schweiß des Tages befreien.

Cartagena war zwar wunderschön, aber wir hatten alles was wir sehen wollten gesehen und beschlossen darum nach Santa Marta weiterzufahren. Dieses Mal war es unerträglich heiß und erdrückend schwül, wie immer in Cartagena. Gegen Mittag nahmen wir den Bus zum Busbahnhof, dessen Klimaanlage die letzte Sitzreihe leider nicht abdeckte. Dort angekommen bestand ein junger Mann darauf, uns ungefragt und gegen unseren Willen alle Ticketschalter zu zeigen (ein Tourist ist ja nicht in der Lage einen Schalter ohne Hilfe zu finden). Ein Trinkgeld verlangte er darum auch vergeblich. Wir fanden ganz allein den günstigsten Bus und fragten zum Spaß wie lange die Reise denn dauern würde. „4 Stunden bis Santa Marta“, war die Antwort. Es waren am Ende fast 5,5, aber damit hatten wir eh schon gerechnet :-)

Wie sich bald herausstellte, war der Busbahnhof in Santa Marta noch etwas blöder angelegt als die bisherigen. Zwar gibt es Stadtbusse ins Zentrum, diese nahmen aber nur Passagiere ohne Gepäck mit. Sehr sinnfrei. Also blieb uns nur ein Taxi. Wir bemühten uns sehr darum nicht vom Taxifahrer aufs Kreuz gelegt zu werden und fragten sogar, erneut überaus freundlichen, Polizisten um Rat. Es half aber alles nix, das Taxi musste sein. Wie wir erst zwei Wochen später erfuhren hätte es an der keine 100 Meter entfernten Hauptstraße Busse bis direkt nach Taganga, unserem eigentlichen Ziel gegeben, aber das sagte uns an diesem Tag keiner. Erneut war es bereits dunkel als wir unser Hotel bezogen, aber von Gefahr im angeblich so gefährlichen Kolumbien war erneut keine Spur und wir gönnten uns an der nahen Strandpromenade einen weiteren Fruchtshake.

Montag, 29. August 2011

San Agustin

„5 Stunden.“
„Sicher?“
„Ja, garantiert, bis Popayán sind es 5 Stunden im Bus!“, versicherte uns der Mann am Ticketschalter, als wir am 21. Juli in Pasto unser Ticket kauften. Zuversichtlich bestiegen wir das etwa 25 Sitze umfassende Fahrzeug (keine Ahnung warum die in Kolumbien eine so unhandliche Busgröße verwenden), waren dann aber etwas verwirrt warum die Leute auf der vollbesetzten rechten Seite so viel mehr Platz zu haben schienen als wir auf der linken. Es dauerte aber eine gute Weile bis wir bemerkten, dass rechts einfach eine Sitzreihe fehlte und die vorhandenen dementsprechend weiter auseinander waren. So quetschten wir uns in unsere Sitze und schauten zu wie die Fahrgäste neben uns (alle unter 1,70 m) ihre Beinfreiheit genossen. :-) Die Gesellschaft auf dieser Fahrt ließ generell etwas zu wünschen übrig, eine etwas ältere Frau rechts vor uns verbrachte den Großteil der ersten 2 Stunden damit uns anzustarren. Höhepunkt war allerdings ein altes Paar rechts hinter uns, die wohl kurvige Straßen nicht so gewohnt waren, zumindest der körperlich nicht mehr ganz so fitte Mann. Als sein Mageninhalt dann den Weg ins Freie suchte und keine Plastiktasche zur Verfügung stand schrie plötzlich der ganze Bus nach einer solchen. Dass der Busbegleiter durch die Tür und bei der lauten Musik das Rufen nicht unbedingt sofort hören konnte, schien nicht in die Überlegungen der Leute mit eingeflossen zu sein und anstatt dass einer aufsteht und an die Tür klopft, wurde halt länger und lauter geschrien. Das Beste an der ganzen Geschichte war aber, dass sich genau dieses Pärchen bei der ersten Gelegenheit mit Chips und einem Becher Eis, übergossen mit einem knallig bunten Sirup, versorgte. Man muss den Magen ja wieder auffüllen :-). Wir fanden das sehr lustig zu beobachten.

Landschaftlich war die Fahrt dafür wunderschön. Es ging durch die Berge, entlang tiefer Schluchten, hinunter ins tropische Flachland und zurück in hügeliges Gelände. Auch auf dieser Fahrt wurden wir von der Polizei kontrolliert und das gleich 4 Mal. Aber die Polizisten waren stets freundlich bzw. ignorierten uns Touristen völlig.
Nach etwa über 7 (!!) Stunden kamen wir schließlich in Popayán an, eigentlich etwas spät für unseren Plan noch weiter nach San Agustin zu fahren. Aber wir fragten dennoch nach, wann und wie lange die Busse fahren.

„5 Stunden“
„Sicher? Das hatten wir nämlich schon mal!“
„Ja garantiert, bis San Agustin sind es 5 Stunden im Bus!“, sagte die nette Dame im Büro und ging sogar mit dem Preis ein klein wenig hinunter. Also entschieden wir uns doch noch weiter zu fahren, immerhin sollte der Bus um 17.30 abfahren und um halb 11 kann man in einem touristischen Ort schon noch was finden, dachten wir. Als wir aber zum Bus gingen, standen dort mehrere Frauen mit strengem Gesichtsausdruck, befehlshaftem Ton und v.a. riesengroßen Säcken als Gepäck, viel zu viel für den Kofferraum des kleinen Busses. Eine halbe Stunde später hatten Busfahrer, Busbegleiter, die 3 Frauen und ihre Männer eine Lösung gefunden und die halbe letzte Reihe zugeparkt, aber zumindest konnten wir starten. Unsere Plätze waren natürlich genau in der vorletzten Reihe und zu allem Überfluss saßen eine dieser Frauen (vom Typ „finanziell der Oberschicht, verhaltenstechnisch der untersten Unterschicht zugehörig“, wir berichteten bereits über diesen Typ Frau) und ihr Mann genau vor uns. Nun sind die Busse in Kolumbien etwa 4 Mal so teuer wie in Ecuador, dafür aber wesentlich enger und unbequemer (ich glaub das kam auch schon mal vor :-) ) und selbst Anja konnte nicht wirklich gerade sitzen. Erste Aktion dieser Schnepfe vor uns war selbstverständlich mit aller Gewalt zu versuchen die Rückenlehne des Sitzes nach hinten zu drücken. Selbst ein Schmerzensschrei von Anja entlockte ihr keine Entschuldigung, sondern höchstens ein Augenrollen. Als nächstes versuchte sie beim Sitz vor mir dasselbe, hatte aber nicht mit meinem Widerstand und Durchhaltevermögen  gerechnet, gab schließlich auf und vertrieb sich die Zeit damit ihrem Mann die Zunge in den Hals zu stecken.

Wir waren noch nicht lange unterwegs, als es plötzlich hieß: Aussteigen. Der Bus musste nämlich erst tanken und da sind keine Passagiere im Fahrzeug erlaubt (diese Warnung wurde allerdings bis jetzt stets ignoriert). So standen wir relativ schlecht gelaunt auf der Tankstelle und dementsprechend freundlich wurde eine kichernde Aufforderung zu einem gemeinsamen Foto mit den bereits beschriebenen Personen von mir abgelehnt. Auch auf dieser Fahrt kamen wir bei einer Polizeikontrolle vorbei und mussten aussteigen, es war aber nicht der einzige Stopp, denn im Abstand von gefühlten 20 Minuten blieb der Bus für Pinkelpausen oder Snacks stehen. Und bei jedem Stopp mussten wir auf die exakt gleichen Personen warten (wer wohl?) bis es endlich weiter ging.

So war es halb ein Uhr nachts als der Bus plötzlich stehen blieb und uns der Busbegleiter zu sich rief. Wir sollten aussteigen oder besser umsteigen. Anders als es uns im Ticketbüro nämlich erklärt wurde, fuhr der Bus nicht direkt nach San Agustin, sondern lediglich zu einer Kreuzung mitten im nirgendwo, wo uns ein Taxi abholen sollte. Wir waren etwas nervös wegen der plötzlichen Planänderung und erleichtert, als das Taxi tatsächlich kam. Von da an änderte sich aber alles zum Positiven. Im Taxi saß neben dem Fahrer noch ein Reiseagenturbesitzer oder zumindest einer, der Touren verkauft, namens Aníbal und der empfahl uns auf der Fahrt gleich eine Unterkunft, die sich als Glückstreffer herausstellte. Wir hatten eine Art Appartement mit Kochnische, Bad und 4 Doppelbetten für uns allein. Uns reichte aber eines und nach diesem anstrengenden Tag waren wir heilfroh als wir gegen 1 Uhr nachts endlich ins Bett gehen konnten.

Für den nächsten Tag hatten wir mit Aníbal eine Jeeptour ausgemacht und wurden bereits um 8 Uhr abgeholt. Nach dem Einsammeln der anderen Teilnehmer, einem netten älteren italienischen Pärchen, die in der selben Unterkunft wohnten, einem jungen Deutschen, einem Ami und noch ein paar Leuten, die nicht so viel redeten, fuhren wir los. Unser Platz war auf der mit Bänken ausgestatteten Ladefläche eines Pickups, das störte uns aber nicht. Erste Station war El Estrecho, eine Stelle an der sich das Bett des Rio Magdalena auf nur 2,20 Meter verengt, dafür aber 13 Meter tief ist! Nicht besonders spannend. 


Anschließend besuchten wir ein kleines Museum mit restaurierten Gräbern früherer Kulturen. San Agustin ist nämlich dafür berühmt, dass die Gegend einst von einer mysteriösen Kultur bewohnt war, die ihre VIPs in Hügelgräbern beisetzte und große Steinfiguren zu deren Bewachung aufstellte. In etlichen Ausgrabungen versuchten deutsche, spanische und kolumbianische Archäologen mehr über diese Leute und ihr plötzliches Verschwinden herauszufinden, fanden aber immer nur neue Statuen und bis heute ist wenig über die San Agustin Kultur bekannt.

Und genau zu so einer Grabhügelanlage fuhren wir als nächstes. Auf dem Gelände von Alto de los Ídolos stehen etwa 15 dieser Hügelgräber, teils gut erhalten und bewacht von oft grimmig, oft einfach nur lustig schauenden Statuen voller Symbolik. 

Kleiner Hille  neben der größten Statue des Areals

Ein geöffnetes Hügelgrab mit Sarkopharg und Wächter

Eine der ausgegrabenen Statuen

Sarkopharg, leider etwas angeschlagen

 Übersicht über das ganze Areal von Alto de los Idolos

Am Nachmittag ging es weiter zum Wasserfall Salto de Bordones, wo der Rio Bordones auf seinem Weg in den Rio Magdalena und weiter in die Karibik in die Tiefe stürzte. Kurz vor dem Ziel fuhren wir durch ein Dorf, wo ein Bub namens Felipe plötzlich auf den Pickup sprang und voller Freude eine Rede über den Wasserfall hielt. Zwar schaute er dabei in der Gegend herum und es war offensichtlich auswendig gelernt, dennoch war der Knabe sehr sympathisch und verbreitete positive Stimmung. Der Wasserfall war dann zwar nett, aber weit entfernt und machte nicht den Eindruck 400 Meter hoch zu sein, wie uns ein kleines schüchternes Mädchen in exakt denselben Worten auf dem Parkplatz noch einmal erzählte. Sie hatte den Text sogar so sehr in sich aufgenommen, dass sie beim Aufsagen erzählte sie sei 12 Jahre alt und plötzlich um ein Jahr alterte als wir sie danach noch einmal fragten :-)

Die letzten beiden Stationen unserer Tour waren nicht mehr so spannend. Zum einen besuchten wir eine weitere historische Stätte mit Gräbern und Statuen, zum andern einen weiteren Wasserfall. Als wir zurück in San Agustin waren dämmerte es bereits leicht. Wir suchten eine Touristeninfo, fanden aber nur eine weitere Agentur, wo „Tourist information“ drauf stand. Dort arbeitete ein Mann namens José, der wohl offensichtlich mit Aníbal etwas zu streiten hat, denn als wir ihm erzählten wir wären erst um 1 Uhr nachts angekommen, sagte er gleich er hätte uns das Taxi geschickt und Aníbal hätte ihm uns weggenommen. Wir fanden das sehr amüsant und buchten dafür den Bus nach Bogotá für den nächsten Tag bei ihm :-). Später am Abend besuchte uns Aníbal, um das Geld für die Tour zu kassieren und schimpfte bei der Gelegenheit auch gleich wieder gegen José zurück.

Am nächsten Morgen regnete es zuerst einmal. Das zog sich über den ganzen Vormittag und erst gegen Mittag konnten wir los zum Parque Arqueológico. Dabei handelt es sich um ein großes Areal, auf dem mehrere Grabhügelanlagen entdeckt wurden, die wir der Reihe nach abgingen. Überall erzählten uns Tafeln sogar auf Englisch nähere Details zu Bedeutung (soweit bekannt) und Ausgrabung der Gräber und Statuen. Besonders cool fanden wir, dass die Grabhügel anscheinend nur Gräber auf Zeit waren. Sobald ein anderer VIP ins Gras biss wurde derjenige, der grad das Grab besetzte wieder ausgegraben und neben dem Hügel an anderer Stelle beigesetzt. Auf einem Aussichtshügel am anderen Ende des Geländes trafen wir die beiden Italiener wieder und ich durfte eine weitere Kostprobe meines Spanilienisch zum Besten geben, denn in meinem Kopf herrschte mittlerweile ein totaler Sprachenwirrwarr.

Statue im Parque Arqueologico

Besonders hübsches Hügelgrab

 Große Statue mit zwei Figuren, eine kopfüber. Eine Führerin, die gerade zufällig mit einer Gruppe vorbei kam meinte, die untere Figur sei eine gebärende Frau, die obere ein Arzt, der das Baby entgegen nimmt. Diese Interpretation fanden wir aber dann doch etwas gewagt :-)

Danach spazierten wir durch den Bosque de las Estatuas, wo zahlreiche Statuen aus der Gegend mit unbekannter Bedeutung entlang eines netten Weges aufgestellt sind. Ein kleines Museum mit weiteren Statuen (Überraschung!) bildete den kulturellen Abschluss des Tages, bevor wir zurück zur Unterkunft spazierten.
Ein paar Figuren aus dem Bosque de las Estatuas




Pünktlich um 19 Uhr waren wir im Büro der Agentur und warteten auf unser Taxi nach Pitalito, wo wir den Bus nehmen sollten. Während wir dort warteten konnten wir die kolumbianische Version der Millionenshow genießen und mit raten, mussten dann aber leider auch mit ansehen, wie zwei Burschen großen Spaß daran hatten einen wehrlosen Hund zu ärgern und zu quälen. Erziehung von Mensch und Tier wird wie bereits berichtet eben nicht allzu groß geschrieben. Im Bus dann die nächste Überraschung. Exakt bis zu unseren Plätzen waren alle Sitze mit großzügiger Beinfreiheit ausgestatten, nur unsere hatten plötzlich nur mehr halb so viel Platz. Wutentbrannt und mit strengem Gesichtsausdruck ging ich zur Dame, die die Tickets kontrollierte und verlangte einen anderen Sitz. Zu unserem allergrößten Erstaunen war sie überaus freundlich und bemüht uns bei unserem Problem zu helfen (wofür sie wahrscheinlich später Ärger bekam) und wir konnten uns eine Reihe weiter nach vorne setzen. Dafür setzte sich ein nach Wein stinkender Mann direkt hinter Anja und quälte sie die ganze Nacht über mit Stößen gegen ihren Sitz. Wie gesagt, Bus fahren und Kolumbien sollte man wenn möglich nicht in einem Satz verwenden. Wenigstens war dieser Bus pünktlich und wir erreichten etwas müde aber trotzdem fit um 6 Uhr morgens Bogotá.

Sonntag, 28. August 2011

Quito und Otavalo


Quito, die Hauptstadt Ecuadors, ist eine moderne Stadt mit viel Geschichte. Es war später Nachmittag am Samstag, den 16. Juli als wir am neu eröffneten, hypermodernen Busbahnhof im Süden der Stadt ankamen. So schön das Terminal auch war, besonders durchdacht war der Standort nicht, denn wir brauchten 2 Metrobusse und über 45 Minuten um das Viertel „El Mariscal“ zu erreichen, das Touristenzentrum der Stadt. Dort suchten wir uns zwischen all den teuren Hostals, Hotels und Restaurants ein kleines billig aussehendes aus und blieben gleich dort.

Nach einer von Juckreiz geprägten Nacht (siehe „Misahualli) wollten wir den Sonntag ausnutzen, denn an diesem Tag ist das historische Zentrum für den Autoverkehr gesperrt. Also spazierten wir los, besuchten zunächst einen kleinen Markt im Parque El Ejido bevor wir in die wirklich wundervolle Altstadt eintauchten. Unsere erste Station war der Hauptplatz, die Plaza Grande. Dort war allerhand los und gefühlte Millionen Menschen drängten sich auf den Straßen, bewunderten eine Tanzgruppe bestehend aus etwas in die Jahre gekommenen, aber nicht minder begeisterten Frauen und einem etwas übermotivierten Mann, ließen sich von den streunenden Fotografen ein Andenkenfoto erstellen oder saßen einfach auf einer der zahlreichen Parkbänke herum und genossen den freien Tag.

Fröhliche Tanzgruppe auf der Plaza Grande


 Keine 5 Gehminuten von der Plaza entfernt ragt die überwältigende Iglesia La Compañia de Jesús in den Himmel, eine der schönsten Kirchen Ecuadors. Wir waren fast geblendet von dem vielen Blattgold, welches uns von den barock verzierten Wänden entgegen leuchtete und fühlten uns stark an die Stiftskirche in Melk erinnert. Etwas erstaunt waren wir aber doch, dass eine derartig prunkvolle Kirche im Auftrag der Jesuiten erbaut wurde, die ja doch eher der Bescheidenheit zugetan gewesen sind, zumindest offiziell.

Unser Spaziergang führte über die Plaza San Francisco, ebenfalls umgeben von alten Kolonialbauten und einer Kirche mit zugehörigem Kloster zur Straße „La Ronda“, die ehemals die südliche Stadtgrenze darstellte und in der wohl allerlei Schindluder betrieben wurde. Zahlreiche Künstler und Musiker lebten einst hier und genossen das ausschweifende Nachtleben. Heute sind die Häuser hübsch hergerichtet und beherbergen Restaurants, Souvenirshops und Ateliers.

Blick von der Plaza San Francisco auf die "Virgen (schon wieder) de Quito", das Wahrzeichen der Stadt

"La Ronda"

 Iglesia Santo Domingo, eine von unzähligen Kirchen in Quito
Eigentlich wollten wir uns auf dem Markt unser übliches Nachmittagsessen holen, doch der Mercado Central war leider schon geschlossen als wir vorbei kamen. Daher spazierten wir mit leerem Magen den Hügel zum Parque Itchimbia hinauf, um die Aussicht auf die Stadt zu genießen. Oben empfingen uns eine frische Brise und dutzende Drachen, die mehr oder weniger professionell in den Himmel getrieben wurden und im Wind flatterten. Viel schwieriger als erwartet stellte sich dann die Suche nach etwas Essbarem heraus. Der Sonntag wurde anscheinend wesentlich ernster genommen als wir uns dachten. So landeten wir in einer Pizzeria nahe unserer Unterkunft. Wir (also ich) freuten uns schon sehr darauf, denn wir hatten schon sehr lange nichts derartiges mehr bekommen. Das Resultat war aber mehr als enttäuschend. Die Pizza, oder das, was die dort unter Pizza verstehen, war zwar recht ok, das Preis-Leistungs-Verhältnis dafür sehr bescheiden. Krönender Höhepunkt unseres Besuches war das Bezahlen, wo mir der doppelte Käse auf meiner Calzone extra verrechnet wurde, obwohl er eigentlich in den 5 frei wählbaren Zutaten enthalten sein hätte sollen. Wutentbrannt und nicht besonders höfliche Worte benutzend verließen wir dieses Etablissement und können an dieser Stelle nur (erneut) den Rat geben in Südamerika kein europäisches Essen zu probieren, da gibt’s Besseres.

Am nächsten Tag fuhren wir zur Mitte der Welt. Dabei handelt es sich um ein Monument, das an der Stelle errichtet wurde, an der eine französische Expedition Ende des 18. Jahrhunderts den Äquator errechnete. Heute ist das Ganze sehr auf die Ausbeutung des gemeinen Touristen ausgelegt. Das Areal ist von einer hohen Mauer umgeben und mit unzähligen Souvenirgeschäften, Restaurants und sogar einer Kirche (wahrscheinlich für ultraromantische Hochzeiten) ausgestattet. Wir spazierten eine Zeit lang über die Anlage, besuchten das einzige Museum das nichts extra kostete, machten die obligatorischen Fotos auf dem Strich und waren nicht allzu traurig als wir das Gelände verließen.

Monument für den Äquator. Links und Rechts der Straße stehen die Köpfe der französischen Expeditionsteilnehmer im 18. Jahrhundert (Statuen, nicht die echten Köpfe!)

Der Äquator (gelbe Linie) teilt die Erde in die Nordhalbkugel (da wo N steht) und die Südhalbkugel (S)

Der Höhepunkt des Tages folgte dafür sogleich: das kleine Museo Solar Inti Ñan ein paar hundert Meter nördlich von Mitad del Mundo, widmete sich ursprünglich jenen südamerikanischen Kulturen, in deren kulturellem Mittelpunkt die Sonne steht. Nun ist es aber so, dass laut GPS der eigentliche, geografisch richtige Äquator zufällig (oder auch nicht) genau durch diese Open-Air-Ausstellung verläuft, die französischen Geografen hatten sich nämlich um etwa 300 Meter vertan (für die Möglichkeiten des 18. Jahrhunderts trotzdem nicht so schlecht!!). Natürlich bot sich daher für das Museum eine kleine diesbezügliche inhaltliche Erweiterung an.

Zunächst wollten wir wegen dem für ecuadorianische Verhältnisse sehr hohen Preis gar nicht hinein, waren aber dann doch neugierig, weil wir schon viel von diesem Ort gehört hatten. Im Eintrittspreis war eine Führung enthalten und wir gesellten uns zu einem älteren israelischen Pärchen und einem Hawaiianer. Als Erstes erzählte uns unsere recht nette, wenn auch nicht unbedingt überqualifizierte Führerin einiges über die Herstellung von Schrumpfköpfen, ecuadorianische Urvölker und die Sonne als mystisches Zentrum vieler Kulturen.

Echter Schrumpfkopf im Museum Solar Inti Ñan

Wir am "richtigen" Äquator

Der spannende Teil folgte aber erst danach. Nun begann unsere Demonstratöse von der Corioliskraft zu reden, die, wie wir alle wissen, aufgrund der Erddrehung entsteht und einen großen Einfluss auf Luft- und Meeresströmungen und großflächige Wetterphänomene hat. So drehen sich zum Beispiel Hurrikans auf der Nordhalbkugel gegen und Taifune auf der Südhalbkugel im Uhrzeigersinn. Eine große Tafel beschrieb zudem (etwas unverständlich) die Entstehung dieser Kraft inklusive physikalischer Gleichung. Meine Frage, was denn die Buchstaben in der Gleichung bedeuten würden, konnte unsere Guidine zwar nicht beantworten, sie sei ja keine Physikerin, dafür bekamen wir eindrucksvoll die Auswirkungen dieser Kraft demonstriert.

Zunächst stellte unsere große Lehrmeisterin ein Waschbecken direkt auf die Äquatorlinie und füllte es mit Wasser. Dann nahm sie den Deckel aus dem Abfluss und das Wasser floss ab, ohne dass ein Strudel entstand. Das gleiche Experiment wiederholte sie nun auf der Südhalbkugel, etwa 3 Meter vom Äquator entfernt und wie von Zauberhand drehte sich das Wasser nun im Uhrzeigersinn bevor es im Abfluss verschwand. Und als sie das Ganze auf der Nordhalbkugel erneut wiederholte drehte sich das Wasser plötzlich in die andere Richtung. Unglaublich!!

Natürlich steckte hinter diesem Zauberkunststück wenig Physik, wie wir sofort erkannten, sondern lediglich ein geschicktes Öffnen des Deckels, denn die Corioliskraft ist (wenn ich mich richtig erinnere) um etwa 2 Größenordnungen zu schwach, um abfließendes Wasser in einem Waschbecken zu beeinflussen, vor allem direkt am Äquator. Beim ersten Mal öffnete unser Zauberhäschen den Verschluss, indem sie ihn genau waagrecht von unten nach oben drückte und natürlich entstand kein Strudel. Die beiden anderen Male öffnete sie den Verschluss von oben und zwar etwas schief, sodass jeweils die dem Äquator zugewandte Seite als erstes den Kontakt zum Becken verlor und ein Strudel in die „richtige“ Richtung entstand. Aber das Beste der ganzen Vorstellung war, dass meine Frage, ob ich das denn auch mal probieren könne mit dem Argument verneint wurde, dass ja gleich die nächste Gruppe das Becken bräuchte, obwohl weit und breit keine anderen Menschen zu sehen waren.

Ähnlich wissenschaftlich hochwertig ging es weiter. Zunächst schaffte es Anja ein Ei auf einem Nagelkopf zu balancieren, was aus irgendeinem Grund natürlich nur am Äquator möglich ist (wir waren noch dermaßen von dem Waschbeckenversuch amüsiert, dass wir nicht mehr genau aufpassten), dann bewies uns unsere Wissenschaftsministerin, dass unsere Muskelfunktionen am Äquator völlig verrückt spielen, denn auf wundersame Weise ging das herunterdrücken meiner ausgestreckten Arme einen Meter neben dem Äquator wesentlich schwerer als direkt auf dem Strich. Dass sie meine Arme zuerst nahe den Ellbogen und dann an den Handgelenken packte ist da nur ein unwesentliches Detail. Offensichtlich von Zauberkräften gefangen gelang es besonders den älteren Gruppenmitgliedern auch nicht mit geschlossenen Augen auf dem Äquator zu balancieren. Surprise, surprise. Warum es aber angeblich nur hier nicht funktioniert blind Fuß an Fuß auf einer schmalen Linie entlangzugehen haben wir leider vergessen. Trotzdem war der Ausflug sein Geld wert, so köstlich amüsiert hatten wir uns schon lange nicht mehr und noch auf der Rückfahrt konnten wir über den Blödsinn, den wir erzählt bekamen herzhaft lachen. So etwa auch darüber, dass man am Äquator um etwa 0,5% oder 6 Pfund leichter als am Nordpol sei, wegen der größeren Distanz zum Erdmittelpunkt. Wir dachten uns nur, für ihre dementsprechend 600 kg sieht sie wirklich verdammt gut aus. :-) Etwas traurig war allerdings ihre Meldung, dass das Museum auch dafür genutzt wird, um Schulkindern die Effekte der Physik im täglichen Leben zu zeigen…

Eine große Tafel erklärt die Corioliskraft, aber keiner konnte uns sagen, was die Buchstaben in der Gleichung bedeuten...

 Mit geschlossenen Augen Fuß an Fuß auf dem Äquator balancieren ist gar nicht so leicht. Der Äquator hat einfach magische Kräfte

Es war etwa 16 Uhr als wir zurück im Hostal in Quito waren und wir wollten an diesem Tag noch weiter. Eigentlich ist Otavalo, unser nächstes Ziel gar nicht mal so weit entfernt. Aber Quito ist dermaßen lang und schmal und das Verkehrskonzept jetzt nicht unbedingt das durchdachteste, dass wir doch länger brauchten als erwartet. Allein schon um zum nördlichen Busbahnhof zu gelangen mussten wir mit einem Metrobus bis zur Endstation und dann noch mit einem anderen Bus (Kostenpunkt 5 Cent) weiter, insgesamt über eine Stunde lang. Erst nach 20 Uhr kamen wir deshalb in Otavalo an, fanden aber trotzdem bald eine nette Unterkunft direkt am Hauptplatz.

Otavalo ist bekannt für seinen Kunsthandwerksmarkt, angeblich der größte des ganzen Kontinents. Es war Dienstag und deswegen nur der Hauptplatz voller Marktstände, die Schmuck, Kleidung, Hängematten, Taschen, Bilder und Schnitzereien anboten. Wir spazierten am Vormittag gemütlich durch das Labyrinth an Gängen, fanden aber nicht allzu viel Interessantes. Überhaupt merkte man den Verkäufern an, dass sie sehr oft mit Touristen zu tun hatten, denn sie waren ziemlich aufdringlich, nicht unbedingt freundlich und oft beleidigt wenn man nichts kaufte, zumindest die meisten. Wir fanden die Märkte in La Paz wesentlich besser. Unser Unterkunftsgeber meinte, am Mittwoch sei der Markt viel größer und besser, weswegen wir beschlossen ihm noch eine Chance zu geben und für eine weitere Nacht zu bleiben.

Der Markt in Otavalo, Fotos werden nicht so gern gesehen, darum haben wir das nur ganz schnell schnell und möglichst ohne Menschen gemacht :-)

Am Nachmittag spazierten wir zu den Cascadas de Peguche, einem Wasserfall in der Nähe. Aufgrund der mangelhaften Beschilderung waren wir uns bald nicht mehr sicher, ob wir denn auf dem richtigen Weg seien. Ich hielt ein vorbeifahrendes Auto an, um nach dem Weg zu fragen und prompt landeten wir auf der Ladefläche des Pickups und wurden hingefahren. Sehr nett. Ein guter Spazierweg führte zu dem Wasserfall und zahlreiche ecuadorianische Touristen leisteten uns Gesellschaft. Der Wasserfall an sich war relativ unspektakulär, einzig ein winziger Tunnel, der in absoluter Dunkelheit weiter nach hinten führte war etwas spannend. Eine einheimische Familie suchte das Gespräch mit uns, war sehr interessiert an unserer Herkunft und besorgt um unsere Sicherheit: „Die Otavalos mit den langen Haaren (traditionelle Frisur der Männer dort, Anm.) sind kein Problem, aber es gibt hier auch viele Auswärtige aus Guayaquil oder so, vor denen muss man sich in Acht nehmen!“ Menschen sind auch überall gleich. :-)

Der Wasserfall von Peguche


Wir spazierten weiter bis zur Laguna San Pablo, angeblich einem Manget für Ausflügler, fanden ihn aber nicht so toll, denn wir gingen eigentlich nur eine Straße in einem Ort entlang und fanden keine Möglichkeit zum Wasser zu gehen. Also nahmen wir den nächsten Bus, der uns entgegen kam uns fuhren wieder nach Otavalo zurück. Man muss ja nicht jeden Tag 7 Stunden lang gehen.

Auch am Mittwoch war der Markt nicht viel größer und besser. Wir machten uns extra auf die Suche nach einem anderen Markt, der nur mittwochs stattfindet. Bis auf ein leckeres Frühstück fanden wir aber nichts Brauchbares. Also nahmen wir unsere Rucksäcke und los gings zur Panamericana, um einen Bus nach Kolumbien zu finden. Schon bald saßen wir in einem nach Ibarra, einer größeren Stadt etwas weiter nördlich. Wir waren der festen Überzeugung von dort schnell weiter zu kommen, mussten dann aber für ecuadorianische Verhältnisse ewig lang (über eine Stunde) warten bis endlich der Anschlussbus kam. 

Dafür bekamen wir aber ein Unterhaltungsprogramm der Extraklasse geboten. Kurz nach dem Start bestieg ein Mann den Bus und hielt, wie es praktisch auf jeder Fahrt vorkommt, eine Ansprache an die Fahrgäste, um seine Produkte zu bewerben. Dieser aber hatte etwas Besonderes. Er verkaufte nämlich Ginseng-Präparate und erklärte den Fahrgästen anhand von Bildern wie der menschliche Körper funktioniert und wie toll diese Pflanze sei. Sie helfe nämlich gegen alles, gegen Stress (und jeder Mensch habe Stress), Herzprobleme, Diabetes, Prostata- und Menstruationsbeschwerden und alles andere, was die Menschheit so plagt. Und die Asiaten würden nur deshalb so alt, weil sie jeden Tag Ginseng futtern. Von diesen Weisheiten überwältigt kaufte dann tatsächlich mindestens jeder zweite Fahrgast ein paar dieser Pillen.

Wir machten uns etwas Sorgen, wie wohl die Grenze sein würde, denn unsere letzten Grenzerfahrungen waren ja nicht die positivsten. So versuchten wir besonders aufmerksam zu sein. Von der Grenzstadt Tulcán gibt es nur Taxiverbindungen bis zum Grenzübergang und so waren wir wieder gezwungen in ein Auto zu steigen. Dieses Mal ging aber alles gut, wir sparten uns sogar noch etwas, weil wir das (lizensierte) Taxi mit einem Kolumbianer teilten und bekamen von den Geldwechslern viel mehr kolumbianische Pesos für unsere Dollar als gedacht. Auf der anderen Seite der Grenzbrücke durften wir dann allerdings den kolumbianischen Behörden unsere Fingerabdrücke geben, was ja nicht meine Lieblingsdiszipin ist, aber um in Kolumbien einreisen zu dürfen ist das halt nötig.

Der Weg in die Stadt Ipiales, nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt, war einfach und im Minibus schnell zurückgelegt. Zwar boten uns an der Grenze auch zahlreiche Männer ihr Auto ohne Aufschrift als Taxi an, aber wir waren da eher skeptisch. Da es schon später Nachmittag war, beschlossen wir nicht bis nach Popayán (etwa 7 Stunden entfernt), sondern nur bis Pasto weiter zu fahren und dort zu übernachten. Am Busbahnhof versuchten sich zahlreiche Angestellte in brutal lautem Geschrei, um uns eine Fahrt zu verkaufen, aber in unserer gewohnt souveränen und ruhigen Manier ließen wir uns nicht aus der Ruhe bringen, suchten uns das günstigste Angebot und fuhren los. Der Bus war relativ teuer, dafür aber unbequem. Wir kamen nicht weit, da hieß es plötzlich aussteigen. Eine Polizeikontrolle stand an. Wir merkten bald, dass das im Süden von Kolumbien nichts Außergewöhnliches war. Aber die Polizisten waren nett und höflich und nach ein paar Minuten konnten wir unsere Fahrt fortsetzen. Wir fuhren durch eine nette Berglandschaft mit grünen Hügeln und steilen Schluchten, sahen aber durch die getönten Scheiben nicht besonders viel davon. 

Als wir endlich Pasto erreichten, war es bereits dunkel und wir waren aufgrund der Gerüchte und Informationen, die man über Kolumbien so erhält (man lese NIEMALS die Länderinformation auf der Webseite des auswärtigen Amtes von Deutschland, da wird man ja paranoid!) etwas beunruhigt. Sogleich wurden wir von einem etwas heruntergekommenen Mann angesprochen und er drängte uns seine Hilfe auf. Versuche ihn loszuwerden scheiterten und so ließen wir uns von ihm zu einem Hotel führen. Überraschenderweise war das Hotel tatsächlich ausgezeichnet (bis auf die Duschwassertemperatur) und günstig, weswegen ein kleines Trinkgeld für den Mann drin war. Wir genossen den restlichen Abend im Zimmer und schöpften neue Kraft für die kommenden anstrengenden Tage.

Donnerstag, 25. August 2011

Misahualli


Von Latacunga aus war unser nächstes Ziel das Dörfchen Misahualli im Amazonasbecken. Da zufälligerweise der Touristenmagnet Baños auf dem Weg lag (Ecuador ist so schön winzig und es gibt nur gefühlte 4 Straßen im ganzen Land, da liegt schon mal was aufm Weg), legten wir davor dort halt noch einen Zwischenstopp ein. Dort hinzukommen war allerdings wesentlich schwieriger als erwartet. Wir mussten nämlich in Ambato, eine Stunde südlich von Latacunga umsteigen. Klingt einfach, war es aber nicht. Als wir am Busbahnhof ankamen, suchten wir nach einem Bus, in die richtige Richtung. In der Halle gab es auch mindestens 6 Ticketbüros, wo groß und deutlich Baños drauf stand. Das Problem war aber, dass es nur Busse gab, die über Baños weiter nach Puyo und Tena fuhren und in diese ließ man uns nicht einsteigen, der Busbegleiter versperrte uns sogar aktiv den Weg. Von verschiedenen Leuten bekamen wir immer wieder die Information, dass die Busse nach Baños von einem anderen Terminal abfahren würden und man dort nur mit dem Taxi hinkommt. Wir dachten gar nicht daran. Erst ein alter, einen etwas verwirrten Eindruck machender Mann, der seine Aufgabe wohl darin sah, Reisenden den richtigen Bus zuzubrüllen zeigte uns einen anderen Bus, ebenfalls nach Tena unterwegs. Dieses Mal ließ uns der Busfahrer einsteigen, aber nur unter der Bedingung, dass wir uns ganz hinten in den leeren Bus setzten. Na gut, wenigstens kamen wir weiter.

Offenbar hatte ein Erdrutsch vor einiger Zeit die Straße kurz vor dem Ferienort verlegt. Die Aufräumarbeiten waren noch in Gang und die Straße wurde deshalb immer wieder gesperrt, was unsere Ankunft um eine weitere Stunde verzögerte. Aber wir schafften es, juhu. Am Busbahnhof wurden wir gleich angesprochen und zu einem neuen, günstigen Hotel begleitet, angeblich mit WLAN im Zimmer. Dem war aber natürlich nicht so. Auf meine Beschwerde hin, sagte man mir ich könne ja in den Gang gehen und dort hätte ich dann ein Signal. Nach kurzer Beratung waren wir uns darüber einig, dass so ein Verhalten nicht belohnt werden sollte und verließen die Herberge wieder. Natürlich war nun keiner mehr an der Rezeption und auch schreien und warten half nix. So veränderte ich meine Passnummer etwas und schrieb einfach ins Gästebuch, dass wir gehen würden. :-)

Also ging die Suche weiter, es war aber nicht schwierig eine passende Unterkunft zu finden, immerhin ist jedes zweites Gebäude der Stadt ein Hostal. So super, wie es uns ein paar Leute auf Galapagos beschrieben hatten war der Ort jetzt aber nicht. Zwar liegt er recht schön in den Bergen und ist auch hübsch hergerichtet, mehr aber auch nicht. Die ganzen Aktivitäten wie Rafting, Bungeejumping, Canyoning usw. waren uns eh zu teuer, darum reichte uns ein Nachmittag völlig. Wir spazierten zur Statue der Virgen de la irgendwas (eigentlich dürfte es in Südamerika keine Menschen mehr geben, wenn alle Virgenes, die hier so rumstehen wirklich keusch geblieben wären), einem netten Aussichtspunkt hoch über der Stadt. Leider war der berühmte, hyperaktive Volcán Tungurahua in dichte Wolken gehüllt, sodass wir ihn überhaupt nicht zu Gesicht bekamen. Nach dem Abendessen bekamen wir sogar eine gratis Kostprobe der lokalen Süßigkeit (so eine klebrige Masse, aber recht gut), weil sie im Geschäft auf 10 USD nicht rausgeben konnten. :-) Auf dem Weg zurück ins Hostel liefen uns dann noch Fiona und Emma (die 2 Britinnen, mit denen wir das Abenteuer in Puno erlebt hatten) über den Weg. Es war sehr nett sie wieder zu sehen und etwas zu plaudern. Das wars auch schon mit Baños, es ist halt ein typischer Touristenort, wundervoll für manche, für uns aber nicht.

                              Baños

Gegen Mittag am 14. Juli gingen wir nach einem sehr guten Frühstück (Bollones mit Ei) zum Busbahnhof von Baños. Wir warteten keine Minute und schon saßen wir im Bus nach Tena. Die Strecke verläuft sehr schön entlang eines Flusses durch ein enges Tal. Überall gibt es Wasserfälle, üppiges Grün färbt die Hänge und die touristische Infrastruktur ist ausgezeichnet. Mit der Zeit wurde das Land immer flacher, die Vegetation immer tropischer und die Temperatur immer heißer. Nach über 4 Stunden kamen wir endlich in Tena an. Es war heiß und schwül als wir nach einem Bus nach Misahualli suchten. Erneut warteten wir keine Minute. 

Misahualli ist ein kleines Dorf am Zusammenfluss zweier Flüsse. Es ist berühmt für seinen Strand mitten im Dschungel, auf dem angeblich eine Affenhorde sein Unwesen treibt. Zum ersten Mal auf unserer Reise passierte es uns nun, dass wir nicht sofort eine Unterkunft fanden. Wir fragten bei mehreren Stellen, die aber alle entweder zu teuer und/oder voller (ecuadorianischer) Touristen waren. Erst als wir zum wiederholten Male an einer Agentur vorbei gingen eröffnete uns ein junger Mann dort, dass er Cabañas etwas außerhalb des Ortes habe.

Ein junger Bursche begleitete uns dorthin und wir waren vom ersten Moment an begeistert. Zwar geht man etwa eine halbe Stunde vom Dorf aus, dafür ist man dann mehr oder weniger mitten im Dschungel. Die Anlage besteht aus mehreren Schlafhütten mit Strohdach, verteilt über einen winzigen Hügel und umgeben von allerlei saftig grünem Gestrüpp. Zudem gibt es ein Restaurant und ein paar weitere Hütten für andere Aktivitäten. Nur Strom gab es keinen, das machte aber überhaupt nix. Wir bezogen unsere eigene Hütte mit Doppelbett, Kompostplumpsklo und Flusswasserdusche. Es wurde bereits langsam dämmrig als wir zu einem kleinen Spaziergang am Flussufer entlang aufbrachen. Wir wollten der indigenen Gemeinde von Shiripuno, die wir bereits beim Hergehen durchquert hatten noch einen Besuch abstatten. Zufällig war an diesem Tag gerade die Zeugnisübergabe für die kleinsten Schüler und deshalb Partystimmung. In der Schule wurde laute Musik gespielt und Kinder und ihre stolzen Eltern tanzten dazu oder unterhielten sich miteinander. Schon bald wurden wir von einer jungen Frau angesprochen. Sie war die Chefin der lokalen Frauenkooperative, die sich um die Cabañas kümmert und somit für die Frauen des Dorfes eine Beschäftigung und ein kleines Einkommen garantierte. Sie erklärte uns, wann und wo das Abendessen stattfindet und welche Aktivitäten wir am nächsten Tag machen konnten.

Aussicht von unserer Hütte auf den Dschungel und den Fluss

 Ein animalischer Dauergast in der Anlage. Jede Nacht kroch dieses prachtvolle Exemplar exakt an der gleichen Stelle hervor und wartete...

Unsere Hütte von außen

 
Besagtes Abendessen war lecker und reichlich. Wir teilten unseren Tisch mit zwei Spaniern, Mutter und Sohn, die eine zweitägige Dschungeltour hinter sich hatten und sehr davon schwärmten. Das Gespräch verlagerte sich aber im Laufe der Zeit immer mehr in die Richtung der recht redseligen spanischen Dame, sodass wir kaum noch zu Wort kamen. :-) Außerdem wohnten hier noch 5 junge Voluntäre aus Frankreich, die jeden Vormittag etwas bei der Feldarbeit halfen und dafür kräftig zur Kasse gebeten wurden und ein französischer Architekt, der gegen Kost und Logis seine Künste anbot und ein neues Restaurant plante und bauen wollte.
Unsere erste Nacht im Dschungel war herrlich. Wir waren überrascht wie wenig Moskitos und anderes stechendes Zeug uns attackierte und die Geräuschkulisse war sagenhaft. Unzählige Grillen und anderes Getier sagen in die Nacht hinaus und erfüllten die Luft mit ständigem Surren und Zirpen. So schliefen wir ausgezeichnet unter unserem Moskitonetz.

Bereits früh gingen wir am nächsten Tag frühstücken, denn um 8 hatten wir uns zu einer kurzen Dschungeltour verabredet. Um halb 9 tauchte dann endlich Marta, unsere Führerin, auf. Auch sie war eine Frau aus dem Dorf und ihr grimmiger Blick ließ uns anfangs nichts Gutes erhoffen. Zunächst war die Stimmung auch etwas unterkühlt, das änderte sich aber als Marta merkte wie interessiert wir an dem waren, was sie uns erzählte. Wir gingen ein Stück den Fluss entlang und bastelten uns eine Krone aus Blättern. Dann spazierten wir, unter Zuhilfenahme ihrer Machete weiter in den Wald hinein. Marta zeigte uns diverse Pflanzen, deren heilende Wirkung von den Indigenen noch heute gegen verschiedene Krankheiten und v.a. gegen Unfruchtbarkeit genutzt werden. Außerdem zeigte sie uns eine Meerschweinchenfalle, wir bastelten selbst eine Fischfalle, pflanzten und ernteten Maniok, durften Kakaobohnen lutschen und eine wilden Pomelo schlürfen. Wir waren von der Vielfalt und dem Reichtum des Waldes begeistert.

Marta zeigte uns auch wie die Dächer der Hütten aus Blättern konstruiert werden.

Natürliches Anti-Schuppen-Shampoo, hergestellt durch einfaches verreiben eines bestimmten Blattes

Maniok oder Yuka oder Kassava (je nach Kontinent), frisch geerntet

Dschungelprinzessin Anja...

... und wilder Krieger Hille

Hille beim Basteln einer Fischfalle. Das Ergebnis war nicht so berauschend und Marta tat sich schwer noch etwas Brauchbares daraus zu machen :-)

  Frisch geerntete Kakaofrucht. Das weiße schleimige Zeug um die Bohnen herum kann gelutscht werden und schmeckt lecker nach Litschi.
 
Doch mit dem Spaziergang war die Tour noch nicht beendet. Zurück bei den Cabañas kamen wir in den Genuss selbst Schokolade herstellen zu können. Wir bemerkten bald, dass das keine Hexerei ist und hatten viel Spaß bei der Arbeit (siehe Bilder).

Zuerst werden die Kakaobohnen 2-3 Tage getrocknet und dann geröstet bis sie schwarz sind...

... anschließend werden die gerösteten Bohnen geschält...

... und zu Pulver verrieben. Dieses Pulver wird mit Zucker und Milchpulver gemischt und noch einmal gerieben...

... dann werden etwaige Schweinereien beseitigt und der Arbeitsplatz gesäubert...

 ... und wenn man ganz brav war und das Pulver in etwas Wasser löst erhält man lecker Schokolade, sogar mit Banane

Krönender Abschluss des Vormittages war ein spektakuläres Mittagessen mit Fisch und gebratenem Meerschweinchen, das Marta aus einer der Fallen im Dschungel mitgenommen hatte.

Erbeutetes Meerschweinchen aus dem Dschungel

 Lecker Mittagessen mit Fisch und Meerschweinchenviertel (rechts unten)

Allerdings ließen wir uns anschließend zu einem fatalen Mittagsschläfchen auf der Veranda unserer Hütte hinreißen. Zunächst merkten wir nichts davon, aber nach etwa eineinhalb Stunden im Schatten des Strohdachs, umgeben von unzähligen Ritzen und Spalten, hatten wir beide plötzlich hunderte (und das ist keine Übertreibung) Moskitostiche an unseren Körpern. Das fiese daran ist, dass diese Viecher dermaßen klein sind, dass man sie nicht fliegen sieht und dass die Stiche erst weh tun, wenn es eh schon zu spät ist. Besonders nachts litten wir in den folgenden Tagen an teils nicht auszuhaltendem Juckreiz und übten uns im Gebrauch unschöner Wörter.

An diesem Freitagnachmittag war die Welt aber noch in Ordnung. Wir spazierten nach Misahualli und zum „Arbol gigante“, einem wirklich gigantisch großen Baum eine halbe Stunde weiter. Wir waren schwer beeindruckt von den Ausmaßen dieses Ungetüms. Der Mann aus der Agentur, der uns die Cabañas vermittelt hatte, hatte uns erzählt es bräuchte 38 (oder so) Menschen, um den Baum zu umarmen und das war keine Übertreibung. 

 Anja vor dem großen Baum. Der ganze ging leider nicht aufs Foto

Die letzten Nachmittagsstunden verbrachten wir dann am Strand wegen dem wir eigentlich hierhergekommen waren. Er liegt wirklich sehr schön gelegen am Fluss und wir konnten uns kurz im Wasser abkühlen. Allerdings mussten wir uns dann bald vor den Moskitos, die in der Dämmerung auf die Jagd gingen in Sicherheit bringen, sprich wieder anziehen und aufbrechen. Affen sahen wir auch welche. Waren die am Strand zunächst noch etwas scheu, machten nach Einbruch der Dunkelheit einige dieser Kameraden ziemlich selbstbewusst den zentralen Platz von Misahualli unsicher. Glücklicherweise hatten wir unsere Lampe mit und so war der Rückweg im Dunkeln kein Problem. Anstatt eines teuren Abendessens verputzten wir eine Pomelo, den uns Marta geschenkt hatte und verzogen uns bald unters Moskitonetz, wo wir uns einen nicht unerheblichen Teil der Nacht dem Vergnügen des „sich Kratzens“ hingaben.

Strand im Dschungel mit Taxibooten

 Süßes kleines, etwas unscharfes Affi

Diese Nacht stellte auch das vorläufige Ende unserer Dschungelausflüge dar, denn am nächsten Tag fuhren wir weiter bis nach Quito. Erneut mussten wir in Tena Bus wechseln, erneut ging das wahnsinnig schnell. Allerdings fragten wir uns, ob wir in Anbetracht der Geschwindigkeit, mit der der Bus anfangs fuhr jemals dort ankommen würden. Glücklicherweise entpuppte sich das anfängliche Schneckentempo nach etwa einer Stunde als vorbei gehende Modeerscheinung und wir erreichten Quito sicher und wohlbehalten am späten Nachmittag.