Am 23. Juni wollten wir uns das heilige Tal der Inka ansehen, auf eigene Faust natürlich. Bereits in Ollantaytambo aber, wo wir die Nacht verbracht hatten (in einem Hostal, das genauso hieß wie der neue peruanische Präsident und Hoffnungsträger), stießen wir auf erste Stolpersteine. Anscheinend hatten wir nicht fleißig genug studiert, denn unsere Studentenausweise brachten uns des Alters wegen keine Ermäßigung und weil wir uns nicht das teure 10 Tage gültige Touristenticket leisten wollten (wir hatten ja nur einen Tag) standen wir vor dem Problem was nun zu tun sei. Wir überlegten lange und entschieden uns dann das zwei Tage gültige Ticktet für das heilige Tal zu kaufen (zum Normalpreis). Damit konnten wir zwar theoretisch 4 Stätten besichtigen aber mit öffentlichen Bussen war das nicht realistisch. Was uns aber mehr störte war, dass die Ruinen in Cusco, wo wir am Abend hin wollten nicht inkludiert waren. Am Ende war aber alles halb so schlimm, denn mehr als 2 Ruinenanlagen schafften wir eh nicht.
Wir begannen in Ollantaytambo, wo am westlichen Ortsende antike Terrassen den Hügel hinauf klettern. Oben wurden wir für die Strapazen des Aufstiegs (wir waren immerhin auf über 2800 Metern) mit einem verfallenen Tempel und einem wundervollen Blick auf das kleine, nett hergerichtete Dorf belohnt, das angeblich schon von den Inka errichtet wurde. Die Anlage entpuppte sich in der Folge als wesentlich größer als zunächst gedacht und setzte sich lange entlang des Hügels Richtung Norden fort. Wir sahen alte Tempelruinen, allerlei sakrale Stätten und mit Bewässerungssystem ausgestattete, künstlich angelegte Felder.
Ollantaytambo von oben
Das heilige Tal in Richtung Westen. In dieser Richtung liegt Machu Picchu.
Hille bei den Ruinen oberhalb der Terrassen
Nochmal von der Seite vor beeindruckender Bergkulisse
Kleines, hübsches Seitental in Richtung Norden
Es war schon fast Mittag als wir einen Kleinbus bestiegen, der uns nach Urubamba bringen sollte. Das Fahrzeug war mit etwa 15 Sitzplätzen ausgestattet, zu Spitzenzeiten zwängten sich aber 19 Personen in dieses Gefährt von der Größe eines VW-Busses. Es war sehr interessant zu beobachten, wie der Fahrer den Bus auch in überfülltestem Zustand noch anhielt um weitere Fahrgäste mitzunehmen, die dann stehend, aber gebückt und sich irgendwie festhaltend in den Genuss einer Mitfahrgelegenheit kamen. Halb voll gibt’s nicht.
In Urubamba stiegen wir in einen richtigen Bus um. Auch dieser füllte sich nach der Abfahrt recht schnell und bald war selbst der Gang voller Menschen. Wir fuhren etwas mehr als eine Stunde bis wir Pisac, unser zweites Ziel erreichten. Ein gemütliches, gutes Almuerzo (Mittagsmenü) war nötig um uns Kraft für den Nachmittag zu geben. Zunächst besuchten wir den viel gepriesenen Markt des Dorfes, der sich als normaler artesania (Kunsthandwerk)-Markt mit stark touristischem Einschlag heraus stellte. Hier trafen wir zufällig Maya, die wir beim Couchsurfen in La Paz kennengelernt hatten, wieder und plauderten kurz, bevor wir uns über den steilen, mit hohen Stufen übersäten Weg hinauf zu den Ruinen begaben, die hoch über der Stadt thronten.
Irgendwie müssen die Inka etwas weich in der Birne gewesen sein, denn anstatt im flachen, fruchtbaren Tal zu siedeln, bauten sie lieber die steilsten und höchsten Hänge voll. Die lange Wanderung nach Machu Picchu vom Vortag lag uns noch in den Knochen und so brauchten wir etwas über eine Stunde bis wir endlich die Mauern der ersten Sakralbauten erreichten. Unterwegs erleichterte uns ein Flötenspieler mit seinen Melodien den Aufstieg, war aber dann etwas enttäuscht als wir ihm keine der Flöten abkaufen wollten. Endlich oben, breitete sich fast senkrecht unter uns das Städtchen Pisac aus, ein beeindruckender Anblick.
Blick auf Pisac von den Ruinen aus
Eigentlich dachten wir, bald wieder absteigen zu können, doch wie bereits in Ollantaytamblo stellte sich auch diese Anlage als wesentlich größer heraus als vermutet. Entlang des Bergkamms entdeckten wir eine Ruine nach der anderen. Bald erreichten wir den Tempel, an dem - mal wieder - die Sonne angebunden ist, sahen aber stets neue Wege, die weiter nach hinten führten. Eigentlich waren wir schon etwas geschlaucht, aber die Neugier trieb uns weiter voran. Der Weg führte entlang des sehr steilen Bergrückens, durch einen kleinen Tunnel weiter zu immer neuen, gut erhaltenen und/oder restaurierten Gebäuden, Wohnbereichen und Militäreinrichtungen. Am Ende erreichten wir einige zeremonielle Bäder und konnten jene Felswand sehen in die, in unwegsamsten Gelände, hunderte Löcher als Gräber für wichtige Mitglieder der Inka-Gesellschaft gebohrt wurden. Man könnte hier ganze Tage verbringen und immer wieder etwas Neues entdecken.
Es wurde bereits langsam dunkel, als wir mit dem Abstieg begannen. Wir wählten einen etwas anderen Weg um, wie sollte es anders sein, an weiteren Ruinen, dieses Mal so etwas wie ein kleines Dorf, vorbei zu kommen.
Am Ende war die Nacht schneller als wir und als wir endlich wieder in der Zivilisation ankamen, war es bereits stockdunkel. Es war nicht immer leicht bei eingeschränkter Sicht über die unregelmäßigen, steilen Stufen hinunter zu klettern, aber weil wir ja mittlerweile bergerprobt sind, schafften wir auch das.
Glücklicherweise sind die Busverbindungen in der Gegend ausgezeichnet, weswegen es keine 10 Minuten dauerte, bis wir im Bus zurück nach Cusco saßen. Gegen 20 Uhr kamen wir dort an und gingen sogleich in Richtung des eigentlich ungeliebten Hostels. Unterwegs kamen wir an der Plaza San Francisco vorbei und waren doch etwas über die Menschenmassen erstaunt, die sich dort entlang von unzähligen Zelten Speis und Trank hingaben. Zwar hatten wir nicht allzu großen Hunger, aber das kulinarische Angebot verleitete uns dann doch zu einer Kostprobe. Die am freundlichsten schauende Frau bekam den Zuschlag, denn überall wurde exakt dasselbe angeboten. Wie wir dann bald erfuhren feierte man an diesem 23. Juni das Fest von Corpus Cristi (wohl Fronleichnam oder so), welches zwar religiösen Ursprungs ist, aber in Anbetracht von Art und Menge der konsumierten Getränke etwas zweckentfremdet wurde. Wir bekamen, was alle anderen auch aßen, einen Turm voller kaltem Fleisch. Was wir eindeutig identifizieren konnten waren Seealgen, zwei Stücke von einem Huhn, ein Viertel Meerschweinchen (hat mich nicht unbedingt überzeugt, Anja schon), ein Stück Schaf oder Lamm, ein sehr fettiger Kartoffelpuffer und gerösteter Mais, außerdem gab es noch ein Stück einer Art Leberwurst, ein weiteres Stück einer anderen Wurst, etwas, das wie Fischeier aussah und auch eindeutig aus dem Meer kam und noch ein paar schwer zu identifizierende Dinge. Rein geschmacklich jetzt nicht unbedingt das Beste was wir je gegessen haben, aber trotzdem interessant.
Im Hostel erlebten wir dann eine unangenehme Überraschung, die wir eigentlich schon ein bisschen erwartet hatten. Eine sehr betrunken und/oder stoned wirkende Frau (angeblich die Tochter der Besitzerin) meinte, es gäbe keine Zimmer mehr. Dass wir erwiderten, dass wir ja extra mit der Besitzerin am Tag unserer Abreise gesprochen hätten, diese ganz genau wissen wollte, wann wir zurück kommen und wir deshalb eigentlich schon der Meinung waren eine Reservierung zu haben hatte wenig Einfluss auf die Auslastung des Hostels und so machten wir uns etwas verärgert einerseits, andererseits auch froh nicht noch eine Nacht in dieser Unterkunft verbringen zu müssen, gegen 21 Uhr abends, am Tag vor dem wichtigsten Fest des Jahres, auf Unterkunftssuche.
Etwa fünf Minuten später hatten wir dann auch schon eine, zwar ein klein wenig teurer, dafür aber wesentlich besser. Von wegen lieber lonely planet, um diese Zeit kann es leicht sein, dass alles ausgebucht ist…
Der 24. Juni ist der Tag des Inti Raymi, des alten Inkafestes zur Sonnenwende. In Cusco ist das eine große Sache und weil wir nun mal schon da waren schauten wir es uns auch an. Das Fest hat drei Hauptmomente, wo Inkazeremonien nachgestellt werden: die Begrüßung der Sonne früh am Morgen bei der Stätte Qorikancha, dann ein paar Tanzaufführungen am Hauptplatz und schließlich die Hauptzeremonie in den Inkaruinen von Sacsayhuamán oberhalb der Stadt. Weil wir uns mit dem Aufstehen etwas schwer taten, verpassten wir auch gleich die erste Zeremonie, schauten aber kurz am Plaza de Armas vorbei. Allerdings hatten wohl mehrere Menschen diese Idee, weshalb wir von dem Getanze kaum etwas sahen und bald beschlossen, gleich zum Sacsayhuamán hinaufzusteigen. Gegen halb 12 erreichten wir die Wiese, die als Tribüne für das gemeine Volk diente, zwei Stunden vor Beginn der Zeremonie. Leider war das schon etwas spät und so bekamen wir nicht die besten, aber akzeptable Plätze. Besser als 100 US-Dollar für einen Platz auf der Tribüne zu zahlen, dachten wir. Pünktlich um halb zwei Begann der Einzug von Dutzenden von Kriegern, Priestern und sonstigen bunt, üppig oder spärlich bekleideten Darstellern und die friedvolle Atmosphäre auf dem Hang begann sich rapide zu verändern.
... vor sehr zahlreichen Zuschauern und mit originalen Ruinen und Cusco im Hintergrung
Die Wiese, auf der hunderte Menschen auf dem Boden saßen war zwar leicht abschüssig, aber zu wenig, um allen Leuten gute Sicht auf den Zeremonienplatz zu ermöglichen. Logische Folge war, dass zahlreiche Menschen aufstanden und versuchten über die Köpfe der Vorderleute hinweg zu fotografieren. Das wiederum hatte zur Folge, dass die Menschen weiter hinten noch weniger als zuvor sahen, was denen nicht unbedingt gefiel. Nachdem zahlreiche „Sientate!!!“-Rufe unerhört blieben, begannen bald Orangenschalen, leere Plastikflaschen, Müllsäcke und sogar Steine nach Vorne zu fliegen. Das wiederum wurde von den Menschen weiter vorne nicht unbedingt gut geheißen und so flogen auch zahlreiche Gegenstände wieder zurück. Wir beobachteten das Spektakel aus sicherem Abstand, denn interessanterweise regten sich nur die Leute auf der linken Seite der Wiese auf, rechts, wo wir zunächst saßen, dann standen, war es dagegen ganz ruhig. Besonders interessant war zu beobachten, wie manche Frauen, die wohl erst seit Kurzem (vermutlich durch Heirat) in die Mittel- bzw. vielleicht sogar untere Oberschicht aufgestiegen waren – ein Typ Mensch, der uns der spärlich ausgeprägten Manieren wegen im Verlauf der Reise bereits des Öfteren aufgefallen war – ihren kleinen Kindern Steine in die Hand drückten, damit diese sie nach vorne werfen konnten. Ich vermute diese Art von Erziehung dürfte manch einem Pädagogen sauer aufstoßen.
Wie dem auch sei, die Zeremonie blieb recht unbeeindruckt von diesen Ereignissen und nach einigen Minuten beruhigte sich die Situation auch wieder. So konnten wir mit ansehen, also hauptsächlich ich, weil Anja leider keine 1 Meter 90 groß ist, wie zahlreiche Schauspieler zu Trommelrhythmen tanzten und sich schließlich sternförmig um einen Altar hinsetzten, von dem aus der große Inka und weitere wichtige Teilnehmer recht langatmig zum Volk sprachen und allerlei Dinge beschworen. Das Ganze war recht interessant, leider waren aber die Tonqualität und/oder unsere Quechua Kenntnisse nicht besonders gut und wir verstanden gar nix. Es dauerte auch nicht allzu lange bis sich die Menschenmassen etwas lichteten (viele hatten wohl keine Lust gar nix von dem Spektakel zu sehen) und wir bessere Plätze bekamen.
... bevor der große Inka (vorne links auf dem Alter) zum Volk spricht
Nach langen zwei Stunden in der prallen Sonne war der Spuck dann vorbei und wir machten uns zusammen mit Tausenden anderen Zuschauern auf den Weg zurück in die Stadt, was am Eingang zu den Ruinen zu einem ziemlich unangenehmen Gedränge und Stau führte.
Die Massen verlassen das Spektakel. Im Hintergrund die zickzackförmigen Mauern, die sich der Inka Pachachutec als Zähne eines Pumas vorgestellt hatte dessen Körper die Stadt und dessen Kopf die Festung Sacsayhuamán sein sollten.
Den Abend verbrachten wir dann, erschöpft von den Anstrengungen der letzten Tage ruhig und entspannt, genehmigten uns ein leckeres Abendessen in unserem Lieblingsrestaurant und gingen früh ins Bett, denn schon am nächsten Tag führte uns unser Weg weiter nach Norden.



























