„5 Stunden.“
„Sicher?“
„Ja, garantiert, bis Popayán sind es 5 Stunden im Bus!“, versicherte uns der Mann am Ticketschalter, als wir am 21. Juli in Pasto unser Ticket kauften. Zuversichtlich bestiegen wir das etwa 25 Sitze umfassende Fahrzeug (keine Ahnung warum die in Kolumbien eine so unhandliche Busgröße verwenden), waren dann aber etwas verwirrt warum die Leute auf der vollbesetzten rechten Seite so viel mehr Platz zu haben schienen als wir auf der linken. Es dauerte aber eine gute Weile bis wir bemerkten, dass rechts einfach eine Sitzreihe fehlte und die vorhandenen dementsprechend weiter auseinander waren. So quetschten wir uns in unsere Sitze und schauten zu wie die Fahrgäste neben uns (alle unter 1,70 m) ihre Beinfreiheit genossen. :-) Die Gesellschaft auf dieser Fahrt ließ generell etwas zu wünschen übrig, eine etwas ältere Frau rechts vor uns verbrachte den Großteil der ersten 2 Stunden damit uns anzustarren. Höhepunkt war allerdings ein altes Paar rechts hinter uns, die wohl kurvige Straßen nicht so gewohnt waren, zumindest der körperlich nicht mehr ganz so fitte Mann. Als sein Mageninhalt dann den Weg ins Freie suchte und keine Plastiktasche zur Verfügung stand schrie plötzlich der ganze Bus nach einer solchen. Dass der Busbegleiter durch die Tür und bei der lauten Musik das Rufen nicht unbedingt sofort hören konnte, schien nicht in die Überlegungen der Leute mit eingeflossen zu sein und anstatt dass einer aufsteht und an die Tür klopft, wurde halt länger und lauter geschrien. Das Beste an der ganzen Geschichte war aber, dass sich genau dieses Pärchen bei der ersten Gelegenheit mit Chips und einem Becher Eis, übergossen mit einem knallig bunten Sirup, versorgte. Man muss den Magen ja wieder auffüllen :-). Wir fanden das sehr lustig zu beobachten.
Landschaftlich war die Fahrt dafür wunderschön. Es ging durch die Berge, entlang tiefer Schluchten, hinunter ins tropische Flachland und zurück in hügeliges Gelände. Auch auf dieser Fahrt wurden wir von der Polizei kontrolliert und das gleich 4 Mal. Aber die Polizisten waren stets freundlich bzw. ignorierten uns Touristen völlig.
Nach etwa über 7 (!!) Stunden kamen wir schließlich in Popayán an, eigentlich etwas spät für unseren Plan noch weiter nach San Agustin zu fahren. Aber wir fragten dennoch nach, wann und wie lange die Busse fahren.
„5 Stunden“
„Sicher? Das hatten wir nämlich schon mal!“
„Ja garantiert, bis San Agustin sind es 5 Stunden im Bus!“, sagte die nette Dame im Büro und ging sogar mit dem Preis ein klein wenig hinunter. Also entschieden wir uns doch noch weiter zu fahren, immerhin sollte der Bus um 17.30 abfahren und um halb 11 kann man in einem touristischen Ort schon noch was finden, dachten wir. Als wir aber zum Bus gingen, standen dort mehrere Frauen mit strengem Gesichtsausdruck, befehlshaftem Ton und v.a. riesengroßen Säcken als Gepäck, viel zu viel für den Kofferraum des kleinen Busses. Eine halbe Stunde später hatten Busfahrer, Busbegleiter, die 3 Frauen und ihre Männer eine Lösung gefunden und die halbe letzte Reihe zugeparkt, aber zumindest konnten wir starten. Unsere Plätze waren natürlich genau in der vorletzten Reihe und zu allem Überfluss saßen eine dieser Frauen (vom Typ „finanziell der Oberschicht, verhaltenstechnisch der untersten Unterschicht zugehörig“, wir berichteten bereits über diesen Typ Frau) und ihr Mann genau vor uns. Nun sind die Busse in Kolumbien etwa 4 Mal so teuer wie in Ecuador, dafür aber wesentlich enger und unbequemer (ich glaub das kam auch schon mal vor :-) ) und selbst Anja konnte nicht wirklich gerade sitzen. Erste Aktion dieser Schnepfe vor uns war selbstverständlich mit aller Gewalt zu versuchen die Rückenlehne des Sitzes nach hinten zu drücken. Selbst ein Schmerzensschrei von Anja entlockte ihr keine Entschuldigung, sondern höchstens ein Augenrollen. Als nächstes versuchte sie beim Sitz vor mir dasselbe, hatte aber nicht mit meinem Widerstand und Durchhaltevermögen gerechnet, gab schließlich auf und vertrieb sich die Zeit damit ihrem Mann die Zunge in den Hals zu stecken.
Wir waren noch nicht lange unterwegs, als es plötzlich hieß: Aussteigen. Der Bus musste nämlich erst tanken und da sind keine Passagiere im Fahrzeug erlaubt (diese Warnung wurde allerdings bis jetzt stets ignoriert). So standen wir relativ schlecht gelaunt auf der Tankstelle und dementsprechend freundlich wurde eine kichernde Aufforderung zu einem gemeinsamen Foto mit den bereits beschriebenen Personen von mir abgelehnt. Auch auf dieser Fahrt kamen wir bei einer Polizeikontrolle vorbei und mussten aussteigen, es war aber nicht der einzige Stopp, denn im Abstand von gefühlten 20 Minuten blieb der Bus für Pinkelpausen oder Snacks stehen. Und bei jedem Stopp mussten wir auf die exakt gleichen Personen warten (wer wohl?) bis es endlich weiter ging.
So war es halb ein Uhr nachts als der Bus plötzlich stehen blieb und uns der Busbegleiter zu sich rief. Wir sollten aussteigen oder besser umsteigen. Anders als es uns im Ticketbüro nämlich erklärt wurde, fuhr der Bus nicht direkt nach San Agustin, sondern lediglich zu einer Kreuzung mitten im nirgendwo, wo uns ein Taxi abholen sollte. Wir waren etwas nervös wegen der plötzlichen Planänderung und erleichtert, als das Taxi tatsächlich kam. Von da an änderte sich aber alles zum Positiven. Im Taxi saß neben dem Fahrer noch ein Reiseagenturbesitzer oder zumindest einer, der Touren verkauft, namens Aníbal und der empfahl uns auf der Fahrt gleich eine Unterkunft, die sich als Glückstreffer herausstellte. Wir hatten eine Art Appartement mit Kochnische, Bad und 4 Doppelbetten für uns allein. Uns reichte aber eines und nach diesem anstrengenden Tag waren wir heilfroh als wir gegen 1 Uhr nachts endlich ins Bett gehen konnten.
Für den nächsten Tag hatten wir mit Aníbal eine Jeeptour ausgemacht und wurden bereits um 8 Uhr abgeholt. Nach dem Einsammeln der anderen Teilnehmer, einem netten älteren italienischen Pärchen, die in der selben Unterkunft wohnten, einem jungen Deutschen, einem Ami und noch ein paar Leuten, die nicht so viel redeten, fuhren wir los. Unser Platz war auf der mit Bänken ausgestatteten Ladefläche eines Pickups, das störte uns aber nicht. Erste Station war El Estrecho, eine Stelle an der sich das Bett des Rio Magdalena auf nur 2,20 Meter verengt, dafür aber 13 Meter tief ist! Nicht besonders spannend.
Anschließend besuchten wir ein kleines Museum mit restaurierten Gräbern früherer Kulturen. San Agustin ist nämlich dafür berühmt, dass die Gegend einst von einer mysteriösen Kultur bewohnt war, die ihre VIPs in Hügelgräbern beisetzte und große Steinfiguren zu deren Bewachung aufstellte. In etlichen Ausgrabungen versuchten deutsche, spanische und kolumbianische Archäologen mehr über diese Leute und ihr plötzliches Verschwinden herauszufinden, fanden aber immer nur neue Statuen und bis heute ist wenig über die San Agustin Kultur bekannt.
Und genau zu so einer Grabhügelanlage fuhren wir als nächstes. Auf dem Gelände von Alto de los Ídolos stehen etwa 15 dieser Hügelgräber, teils gut erhalten und bewacht von oft grimmig, oft einfach nur lustig schauenden Statuen voller Symbolik.
Ein geöffnetes Hügelgrab mit Sarkopharg und Wächter
Eine der ausgegrabenen Statuen
Sarkopharg, leider etwas angeschlagen
Übersicht über das ganze Areal von Alto de los Idolos
Am Nachmittag ging es weiter zum Wasserfall Salto de Bordones, wo der Rio Bordones auf seinem Weg in den Rio Magdalena und weiter in die Karibik in die Tiefe stürzte. Kurz vor dem Ziel fuhren wir durch ein Dorf, wo ein Bub namens Felipe plötzlich auf den Pickup sprang und voller Freude eine Rede über den Wasserfall hielt. Zwar schaute er dabei in der Gegend herum und es war offensichtlich auswendig gelernt, dennoch war der Knabe sehr sympathisch und verbreitete positive Stimmung. Der Wasserfall war dann zwar nett, aber weit entfernt und machte nicht den Eindruck 400 Meter hoch zu sein, wie uns ein kleines schüchternes Mädchen in exakt denselben Worten auf dem Parkplatz noch einmal erzählte. Sie hatte den Text sogar so sehr in sich aufgenommen, dass sie beim Aufsagen erzählte sie sei 12 Jahre alt und plötzlich um ein Jahr alterte als wir sie danach noch einmal fragten :-)
Die letzten beiden Stationen unserer Tour waren nicht mehr so spannend. Zum einen besuchten wir eine weitere historische Stätte mit Gräbern und Statuen, zum andern einen weiteren Wasserfall. Als wir zurück in San Agustin waren dämmerte es bereits leicht. Wir suchten eine Touristeninfo, fanden aber nur eine weitere Agentur, wo „Tourist information“ drauf stand. Dort arbeitete ein Mann namens José, der wohl offensichtlich mit Aníbal etwas zu streiten hat, denn als wir ihm erzählten wir wären erst um 1 Uhr nachts angekommen, sagte er gleich er hätte uns das Taxi geschickt und Aníbal hätte ihm uns weggenommen. Wir fanden das sehr amüsant und buchten dafür den Bus nach Bogotá für den nächsten Tag bei ihm :-). Später am Abend besuchte uns Aníbal, um das Geld für die Tour zu kassieren und schimpfte bei der Gelegenheit auch gleich wieder gegen José zurück.
Am nächsten Morgen regnete es zuerst einmal. Das zog sich über den ganzen Vormittag und erst gegen Mittag konnten wir los zum Parque Arqueológico. Dabei handelt es sich um ein großes Areal, auf dem mehrere Grabhügelanlagen entdeckt wurden, die wir der Reihe nach abgingen. Überall erzählten uns Tafeln sogar auf Englisch nähere Details zu Bedeutung (soweit bekannt) und Ausgrabung der Gräber und Statuen. Besonders cool fanden wir, dass die Grabhügel anscheinend nur Gräber auf Zeit waren. Sobald ein anderer VIP ins Gras biss wurde derjenige, der grad das Grab besetzte wieder ausgegraben und neben dem Hügel an anderer Stelle beigesetzt. Auf einem Aussichtshügel am anderen Ende des Geländes trafen wir die beiden Italiener wieder und ich durfte eine weitere Kostprobe meines Spanilienisch zum Besten geben, denn in meinem Kopf herrschte mittlerweile ein totaler Sprachenwirrwarr.
Besonders hübsches Hügelgrab
Große Statue mit zwei Figuren, eine kopfüber. Eine Führerin, die gerade zufällig mit einer Gruppe vorbei kam meinte, die untere Figur sei eine gebärende Frau, die obere ein Arzt, der das Baby entgegen nimmt. Diese Interpretation fanden wir aber dann doch etwas gewagt :-)
Danach spazierten wir durch den Bosque de las Estatuas, wo zahlreiche Statuen aus der Gegend mit unbekannter Bedeutung entlang eines netten Weges aufgestellt sind. Ein kleines Museum mit weiteren Statuen (Überraschung!) bildete den kulturellen Abschluss des Tages, bevor wir zurück zur Unterkunft spazierten.
Ein paar Figuren aus dem Bosque de las Estatuas Pünktlich um 19 Uhr waren wir im Büro der Agentur und warteten auf unser Taxi nach Pitalito, wo wir den Bus nehmen sollten. Während wir dort warteten konnten wir die kolumbianische Version der Millionenshow genießen und mit raten, mussten dann aber leider auch mit ansehen, wie zwei Burschen großen Spaß daran hatten einen wehrlosen Hund zu ärgern und zu quälen. Erziehung von Mensch und Tier wird wie bereits berichtet eben nicht allzu groß geschrieben. Im Bus dann die nächste Überraschung. Exakt bis zu unseren Plätzen waren alle Sitze mit großzügiger Beinfreiheit ausgestatten, nur unsere hatten plötzlich nur mehr halb so viel Platz. Wutentbrannt und mit strengem Gesichtsausdruck ging ich zur Dame, die die Tickets kontrollierte und verlangte einen anderen Sitz. Zu unserem allergrößten Erstaunen war sie überaus freundlich und bemüht uns bei unserem Problem zu helfen (wofür sie wahrscheinlich später Ärger bekam) und wir konnten uns eine Reihe weiter nach vorne setzen. Dafür setzte sich ein nach Wein stinkender Mann direkt hinter Anja und quälte sie die ganze Nacht über mit Stößen gegen ihren Sitz. Wie gesagt, Bus fahren und Kolumbien sollte man wenn möglich nicht in einem Satz verwenden. Wenigstens war dieser Bus pünktlich und wir erreichten etwas müde aber trotzdem fit um 6 Uhr morgens Bogotá.

















































