Da waren wir nun. In Guayaquil, der wohl hässlichsten Stadt auf dem Kontinent, gerade zurück vom Paradies des Galapagos-Archipels. Es war bewölkt, heiß, schwül. Aber wir wollten der Stadt noch eine Chance geben. Vielleicht hatten wir die sehenswerten Teile einfach noch nicht gesehen. So spazierten wir am späten Nachmittag des 06. Juli hinunter zur viel gepriesenen Strandpromenade Malecón 2000, die als der wichtigste Beitrag zu den Verschönerungsmaßnahmen des Flussufers des Rio Guayas gilt. Nun ja, wir fanden eine Strandpromenade vor. Nicht mehr, nicht weniger. Zwar bemühte sich ein Putztrupp wirklich sehr intensiv darum, den backsteingepflasterte Spazierweg zum Glänzen zu bringen (zuerst wurde Wasser mit Putzmittel verteilt, danach jedes noch so kleine Staubkörnchen zuerst mit einer imposanten professionellen Schrubbmaschine, dann mit dem Hochdruckreiniger entfernt), doch änderte auch dieses verzweifelte Bemühen der Stadt, sich positiv zu präsentieren unsere Meinung nur unwesentlich.
Der Rest der Stadt sah aber größtenteils so aus.
Wir waren darum heilfroh als wir am nächsten Tag zu neuen Ufern aufbrachen. Es wurde Mittag bis wir starteten, unser erstes Ziel war der hypermoderne, aber nicht zu 100% durchdachte Busbahnhof. Zu unserem Erstaunen sagte man uns, dass lediglich ein Busunternehmen nach Guaranda, unserem Ziel für den Tag fahren würde. Wir fragten uns dann doch sehr, welche Ziele dann die über 100 anderen Gesellschaften bedienten, die ein Ticketbüro am Busbahnhof hatten. Wie dem auch sei, ein Ticket war schnell gekauft und wir begaben uns in den Wartebereich im 2. Stock. Interessanterweise gab es zwar im Erdgeschoss zahlreiche Monitore, die Abfahrtszeit, Ziel und Bahnsteig der Busse verrieten, allerdings suchte man im 2. Stock, wo die Menschen dann auf die Busse warten vergeblich danach (deswegen nicht ganz durchdacht). Wir konnten uns aber glücklicherweise unsere Plattform merken und bald ging es auch schon los, hinein ins Landesinnere.
Der erste Teil der Fahrt war eher langweilig, führte durch tropische Vegetation, an einer recht uninteressanten Stadt mit sehr armseligen Hütten auf Stelzen am Stadtrand vorbei und schließlich langsam in die Berge. Dann wurde es aber sehr viel interessanter. Zunächst sahen wir kaum etwas von der Landschaft, denn dichter Nebel nahm uns die Sicht. Doch kaum hatten wir eine gewisse Höhe erreicht verzog sich der Nebel mit einem Mal und eine hügelige, intensiv bewirtschaftete aber nicht minder schöne Landschaft breitete sich vor uns aus, umgeben von einem weißen Wolkenband, das in den Tälern hing. Fast konnte man den Eindruck gewinnen in einer Almregion in den Alpen zu sein, zumindest wenn man die Bananenbäume ausblendete. Die Sonne stand schon tief und tauchte die Gegend in ein zauberhaftes goldenes Licht. Nur unsere Kamera war zu langsam um diesen Moment festzuhalten, denn kaum war sie hervorgekramt, war der Blick schon wieder verstellt. So ging es noch für einige Zeit bergauf und bergab. Kurz vor dem Ziel stieg plötzlich ein Kopf aus dem Sitz vor mir empor. Er gehörte zu einem kleinen, aufgeweckten Buben, der einen Heidenspaß daran entwickelte für die kommende Viertelstunde Pirat und Tiger zu spielen, begleitet von einer beinahe schmerzhaften Geräuschkulisse und wundervollem, zutiefst ehrlichem Kinderlachen.
Es war schon dunkel als wir in Guaranda ausstiegen. Eigentlich wollten wir hier die Nacht verbringen und erst früh morgens am nächsten Tag zu unserem eigentlichen Ziel, dem Bergdorf Salinas aufbrechen. Doch dann kamen mehrere Collectivos mit diesem Ziel an uns vorbei und drängten uns beinahe einzusteigen. So taten wir das und kamen nach einer sehr rasanten Fahrt im Pickup doch noch am gleichen Tag dort an. Es war etwa 20 Uhr und wie uns der Fahrer und eine Fahrgästin sagten gebe es nur 2 Unterkünfte im Ort, die zufällig noch genau gegenüber liegen. Also ließen wir uns dorthin chauffieren und standen zunächst recht ratlos auf der Straße. Links vor uns leuchtete eine laut Reiseführer teure Unterkunft, rechts stand ein Haus mit der Aufschrift Hostal in völliger Dunkelheit. Nach kurzem hin und her überlegen klopfte ich an die Tür des finsteren, etwas unheimlichen Hauses und tatsächlich rührte sich Leben. Eine alte Frau erschien im Schlafgewand auf dem Balkon über mir und schon kurz darauf zeigte sie uns unser Zimmer. Nichts besonderes, aber günstig und verfügbar. Genauso schnell wie sie auftauchte verschwand die alte Dame auch wieder, zurück ins Bett, wo ihr Ehemann wartete.
Salinas ist ein Dorf mit erstaunlicher Geschichte. Bis 1970 hatten sämtliche Häuser Strohdächer, es gab wahrscheinlich weder Strom noch Wasser und außer Landwirtschaft auch nix zu tun. Doch dann wurde, vermutlich von einem sehr weitsichtigen Bürgermeister oder einer anderen schlauen Person, die erste Genossenschaft (cooperativa) gegründet. Aus dieser Käsefabrik wuchsen weitere Kooperativen in verschiedene Richtungen und brachten dem Dorf im Laufe der Jahre relativen Wohlstand und einen sehr guten Ruf. Heute sind die Häuser stabil, die Straßen gepflastert und es gibt unter anderem eine kooperativ organisierte Schokoladenfabrik, einen Wurst- und einen Ballhersteller. Zudem eine Bank und sogar die Taxis ins nahe Guaranda sind kooperativ organisiert.
Das wollten wir uns natürlich alles ansehen. Hungrig ob des ausgefallenen Abendessens machten wir uns auf den Weg zum zentralen Platz. In der Touristeninfo konnte man zwar nicht alle unsere Fragen beantworten, doch durften wir unser Gepäck zwischenlagern. Danach gabs endlich Frühstück. Gestärkt und mit neuem Schwung machten wir uns auf zu den Salzminen, die dem Ort ihren Namen gaben. Heute sind sie still gelegt, die harte Arbeit zahlt sich einfach nicht mehr aus. Nur noch einige Privatpersonen nutzen das salzhaltige Gestein für den persönlichen Gebrauch. Durch immer neues überspülen wird Salz aus dem Gestein heraus gewaschen. Das Wasser sammelt sich in kleinen Becken weiter unten und wird per Hand wieder ein Stück den Hang hinauf getragen um über Kanäle oder einfach der Oberfläche entlang wieder hinunter gegossen zu werden. So reichert sich das Salz im Wasser an und ist der Salzgehalt hoch genug wird das Wasser in Kübeln nach oben ins Dorf gebracht, gefiltert und schließlich verkocht. Übrig bleibt Speisesalz. Nun ist auch klar warum sich dieses Prozedere heute nicht mehr auszahlt. :-)
Sogar echtes Braunvieh gibts in dieser Gegend. Man fühlt sich gleich wie daheim
Das Bergdorft Salinas heute
Wir blieben nicht lange bei den Minen. Zwei Schulmädchen aus Latacunga, die mit ihrer Klasse auf Ausflug dort waren wollten unbedingt ein Foto mit uns. Diesem Wunsch kamen wir natürlich gerne nach, trotzdem wies uns der Lehrer zurück, als wir fragten ob wir nicht mit ihnen nach Latacunga fahren könnten. Sehr gemein. Zurück im Dorf besuchten wir zuerst die Schokoladenfabrik, konnten zusehen, wie ecuadorianischer Kakao verarbeitet wird und kauften auch ein paar Kleinigkeiten.
Bei so vielen Schwarzbeeren wird die eine oder andere Mutter sicher grün vor Neid :-)
Leider hatte die Wurstfabrik geschlossen, nur ein kurzer Blick durchs Fenster war uns gestattet. Am Ende statteten wir der Käserei noch einen Besuch ab und kauften wirklich guten Käse. Die Produktionen sind für Publikum geöffnet und das Personal freundlich, am Ende wird Käse in Ecuador aber genauso gemacht wie in Europa. Allerdings scheint dieser Ort eine gewisse geistige Nähe zur Schweiz zu besitzen, denn überall hängen Bilder mit Landschaften und/oder Käse aus der Schweiz.
Mmmmhhhh... lecker Käse. Etwa 150 Bauern beliefern die Käsefabrik, der bis nach Quito verkauft wird
Letzter Programmpunkt war der Aufstieg zum Kreuz hoch über dem Dorf. Es war weniger weit als erwartet (vielleicht sind wir auch einfach nur topfit), die Aussicht aber nicht minder schön. Im Laden der Kooperative (wir glauben es gibt so eine Art Dachverband, der alles organisiert) kauften wir doch noch eine Salami bevor wir ein weiteres Collectivo zurück nach Latacunga nahmen.
Wir deponierten unsere Rucksäcke auf der Ladefläche und stiegen vorne ein. Immer schneller füllte sich das Auto, der Fahrer blieb auch für jeden stehen, und so befanden sich bald 3 Menschen auf der Vorder- und 4 plus Kleinkind auf der Rückbank. In Anbetracht unserer Körperausdehnungen kann man sich den Grad an Bequemlichkeit vorstellen, aber der Fahrer kannte kein Pardon. Hinzu kamen noch etwa 10 weitere Menschen (inklusive einiger Kinder), die es sich auf der Ladefläche gemütlich machten. So kamen wir bis zum Busbahnhof in Guaranda, von wo aus wir gleich einen Bus in Richtung Latacunga bestiegen. Wie wir erst später bemerkten verschwand wohl auf der Fahrt nach Guaranda unser toller Leatherman (sorry Ilse!) aus meinem Rucksack, was sehr unangenehme Auswirkungen auf das Salami essen am Abend hatte.
Nichtsdestotrotz fuhren wir nach Latacunga weiter. Der Kontrast zwischen drinnen und draußen hätte auf dieser Fahrt nicht größer sein können. Draußen kamen wir am wunderschönen Volcán Chimborazo (6310 m), dem höchsten Berg Ecuadors vorbei, drinnen lief der schlechteste Film unserer gesamten Reise, vermutlich aus mexikanischer Produktion. Es ging wohl um zwei rivalisierende Gangsterclans, die sich mit imposanten Cowboyhüten und üppigen Schnauzbärten bestückt in praktisch jeder Szene über den Haufen schossen. Neben der schlechten Story war das Ganze auch noch extrem schlecht produziert. Man wusste immer schon vorher, wer erschossen wird, denn das passierte immer wenn jemand seine Deckung verließ und sich mit breitester Brust den Gegnern präsentierte. Aufgelockert wurde die Handlung zudem durch die eine oder andere Sex-Szene und diverse Racheschwüre. Wir amüsierten uns köstlich.
Auch in Latacunga dämmerte es bereits als wir ankamen. Wir hatten aber nicht mehr viel vor an jenem Abend, sodass wir in der schnell gefundenen Unterkunft blieben. Wie bereits erwähnt gestaltete sich der Verzehr unserer frisch erstandenen Salami eher kompliziert, da uns ein Messer für das Zerschneiden der Längsfasern fehlte. Erschwerend kam noch hinzu, dass die Haut der Wurst wohl mit Zimt behandelt wurde, was zu einem bis dahin ungekannten Geschmackserlebnis führte. Wir waren am Ende froh nur ein Exemplar erstanden zu haben. Früh gingen wir mal wieder ins Bett um für die nächsten anstrengenden Tage gerüstet zu sein.










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