La Paz begeisterte uns vom ersten Moment an. Wir erreichten die wichtigste (aber nicht Haupt-)Stadt Boliviens am Abend des 1. Juni. Als die Häuser von El Alto, der mittlerweile größeren Schwesterstadt von La Paz, auf der rechten Straßenseite plötzlich weg waren, eröffnete sich uns innerhalb einer Sekunde der atemberaubende Blick auf das millionenfache Lichtermeer, welches das Tal, in das La Paz hinein gebaut ist erfüllte. Es dauerte noch einige Zeit und bedurfte einiger Höhenmeter nach unten bis wir den Busbahnhof erreichten. Uns war etwas mulmig zu Mute. Wie wird es wohl sein, abends um 9 Uhr mitsamt Gepäck durch diese Stadt zu spazieren, von der man schon allerlei Geschichten gehört hat? Es war – wie unser gesamter Aufenthalt dort - total entspannt. Sicher und unbehelligt erreichten wir unsere Unterkunft und bekamen dort sogar ein Zimmer. Wir waren hungrig und so machten wir uns noch auf die Suche nach was zu beißen. Ganz in der Nähe lag die Plaza Murrillo, wo sich der Amtssitz des bolivianischen Präsidenten Evo Morales befindet. Von dort aus führte eine Marktstraße in Richtung Plaza San Franzisco, die wir auch gleich entlang spazierten. Keine zwei Minuten später lief uns doch tatsächlich Agus über den Weg, jener Katalane, den wir im Nationalpark Torres del Paine am Anfang unserer Reise kennen und lieben gelernt hatten. Wir wussten zwar, dass er auch vor hatte nach Bolivien zu kommen, aber dass wir ihn mitten in La Paz wiedersehen würden hätten wir nicht gedacht. Er war bereits einige Tage in der Stadt und auf dem Weg zu seiner Pizza weswegen uns nur ein paar kurze, freundliche Worte und Umarmungen blieben. Essen fanden wir natürlich auch. Zwar wissen wir nicht genau was es war, irgendwas von einem Tier (Haut oder Lunge oder so) mit Erdäpfeln, aber es tat seinen Dienst.
Am nächsten Tag schliefen wir erst einmal aus um uns danach die Stadt etwas genauer anzusehen. La Paz wurde komplett in einen teilweise sehr steil abfallenden Talkessel hinein gebaut. Es war sicherlich nicht von den Stadtgründern geplant, aber mittlerweile überziehen die Häuser der Stadt auch die steilsten Hänge und erstrecken sich bis in schwindelerregende Höhen. Kaum ein Fleckchen der Stadt ist eben, ständig geht es bergauf oder bergab. Sehr toll anzusehen. Was uns sehr positiv überraschte war der Zustand der Häuser. Zwar sind sehr viele jener Behausungen, die an den Berghängen empor klettern ungestrichen und erstrahlen in schönstem ziegelrot und maltagrau und sind kaum isoliert, aber zumindest haben sie vier Wände, ein Dach und so gut wie alle Stromanschluss. Natürlich ist die Stadt nicht mit Buenos Aires oder gar Santiago vergleichbar, aber trotzdem scheinen die Häuser solide zu sein und Holzbaracken mit Wellblechdach sahen wir gar keine. Im Gegenteil, im Süden ragten moderne Hochhäuser, Banken und Hotels in die Luft und in der sagen wir mal Innenstadt, wo ein Haus fließend ins nächste über geht (wie halt üblich in einer Stadt) waren selbige ebenfalls in recht gutem Zustand. Wir hatten es uns, nach dem was man von Bolivien so hört, wesentlich schlimmer vorgestellt.
Calle Jaen (Museumsstraße) mit den Hängen von La Paz im Hintergrund
Unser erstes Ziel war das Museo de Instrumentos Musicales, in dem es zahlreiche Gitarren, Trommeln, Flöten und andere Instrumente zum anschauen und ausprobieren gab, was uns auch recht Spaß machte.
Hille trommeln
Danach wanderten wir zum Mirador Killi Killi um uns am Anblick der Stadt zu erfreuen. Dort trafen wir auf einen allein reisenden Franzosen, mit dem wir etwas plauderten und schließlich gemeinsam auf Mittagessensuche gingen. Der Mercado Macacho, unser erstes Ziel entsprach aber nicht unseren Vorstellungen, sah viel zu ordentlich, aufgeräumt und außerdem geschlossen aus. So gingen wir weiter zum Mercado Lanza an der Plaza San Franzisco. Markt ist eigentlich nicht unbedingt eine passende Beschreibung für dieses eher einem Parkhaus ähnliche Gebäude. Zahlreiche Rampen führen über mehrere Etagen nach oben an denen je nach Stockwerk kleine Geschäfte, Saftbars und Restaurantchen aneinandergereiht sind. In einem dieser fanden wir auch endlich unser Mittagessen. Danach machten wir nicht mehr viel, sondern gönnten uns einen entspannten Abend in unserem Doppelzimmer.
Blick auf den modernen Süden der Stadt vom Mirador Killi Killi aus. Leider lässt sich das Gesicht der Stadt nicht besonders gut mit der Kamera einfangen. Muss man selbst gesehen haben.
Am folgenden Tag hatten wir zum ersten Mal Glück mit Couchsurfing. Und zwar richtiges Glück. Martin hatte auf unsere Anfrage reagiert und uns zu sich eingeladen. Leider hatten wir seine Nachricht aber erst am Tag zuvor gelesen, als die Nacht im Hostel schon abgemacht war. Nun aber riefen wir ihn an und machten uns einen Treffpunkt aus. Um die Unterkunft zu bezahlen, brauchten wir allerdings noch Bargeld und das zu beschaffen stellte sich als langwieriger Prozess heraus. So kamen wir auch gleich 45 Minuten zu spät zum Treffpunkt und machten uns schon ziemliche Sorgen, weil wir Martin nun auch am Handy nicht mehr erreichen konnten. So entschieden wir uns etwas zu warten und es später erneut zu versuchen. Als ich ein weiteres Mal zu einem der kleinen Verkaufsstände mit Telefon ging um anzurufen, machte mich dessen Besitzer darauf aufmerksam, dass ein Mann nach mir gesucht hätte und dieser Mann dort drüben stehen würde. Ich hatte etwas Schwierigkeiten damit, den Mann auf den gezeigt wurde eindeutig zu identifizieren, denn dort wo der Verkäufer hinzeigte gab es mehrere Männer. Nach einigen peinlichen Blicken und Gesten gab sich Martin aber endlich zu erkennen. Er entpuppte sich als sehr netter, höflicher Mann mit gutem Englisch und v.a. mit zwei Appartements, eines für sich und seine Frau Sisi und eines für die Couchsurfer. Wir konnten unser Glück kaum fassen, als wir erfuhren, dass wir ein ganzes Appartement für uns hatten, inklusive Doppelbett, Bad und Küche. Zu allem Überfluss luden uns Martin und Sisi auch noch zum Mittagessen ein um uns näher kennenzulernen.
Die beiden sind echt ein süßes Paar. Er Bolivianer, tätig im Kassarollenverkauf und sie Kolumbianerin, studierte Architektin, aber hauptberuflich Ehefrau. Kennengelernt haben sie sich in New York, wo beide eine Zeit lang lebten. Ihr kleines Appartement im 10. Stock eines sehr modernen Wohnhauses im Stadtviertel Miraflores ist voll von The Doors Postern und Hochzeitsfotos und sie machten auf uns einen sehr glücklichen Eindruck. Später am Nachmittag, nach einer ausgedehnten siesta im äußerst komfortablen Bett, trafen wir uns mit Sisi für einen Marktbummel. Ein Taxi chauffierte uns weit den Berghang hinauf, von wo aus wir über den Mercado Iustus und diverse weitere, fließend ineinander übergehende Märkte wieder hinunter spazierten. Die Märkte in La Paz sind einfach sagenhaft. Sogar ich kann dort Stunden verbringen ohne mich zu langweilen. Man bekommt alles nur Erdenkliche, von Laptops über Handys, Kleidung, Schuhe (sehr viele Schuhe, Silke), Obst und Gemüse, Geschirr, CDs, Küchengeräte, Waschmaschinen, Heimwerkerbedarf, Möbel, Farbe, Tapeten, Schlösser und Eisenwaren, Spielzeug und Hygieneartikel bis hin zu ganzen Grillvorrichtungen für Hühnchen. Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus was so alles angeboten wurde. Man könnte sich eine ganze Wohnung damit einrichten. Leider haben wir kein Foto von den Märkten, wir wollten nicht unangenehm auffallen, aber es wäre auch schwierig gewesen die Atmosphäre auf ein Bild zu pressen. Wieder unten im Touristenviertel kamen wir am Ende beim berühmten Hexenmarkt (Mercado de Hechiceria) vorbei, wo allerlei Kräuter, kleine Statuen und andere Talismane wie etwa getrocknete Lamaföten verkauft wurden.
Am Abend lernten wir Maya kennen, eine Couchsurferin aus Frankreich, die ebenfalls bei Martin und Sisi zu Gast war. Gegen 9 gingen wir dann alle zusammen ins Kino, unsere Gastgeber wollten uns nämlich voller Stolz auch den modernen Süden der Stadt zeigen. Wir waren eher schockiert. Während es an den Berghängen des alten, ärmeren Nordens von La Paz unzählige nicht angestrichene Hütten, halb fertige Häuser und so gut wie keine Privatautos gibt, stehen in diesem Teil der Stadt praktisch nur Villen und es gibt kaum Busse oder Taxis, sondern nur teilweise sehr edle Karossen. Sisis Traum ist es einmal hier leben zu können. Wir fuhren in eine Mall nach amerikanischem Vorbild. Alles war blitzeblank geputzt und schön hergerichtet, nur die Geschäfte waren leer. „Zu teuer“ meinten Martin und Sisi. Im Kino sahen wir „The Hangover 2“, einen Film, der eine ziemlich genaue thailändische Kopie von „The Hangover“ ist, aber trotzdem irgendwie lustig. Die folgende Nacht war dann eher schrecklich, denn mich überkamen furchtbare Rückenschmerzen, die wohl auf verkrampfte Muskeln zurückzuführen waren und sich über den ganzen Oberkörper ausbreiteten. Es dauerte sehr lange bis ich endlich schlafen konnte.
Und Schlaf hätte ich eigentlich bitter nötig gehabt, denn wir hatten großes vor am nächsten Tag. Es stand nämlich die Bezwingung des sogenannten Camino de la muerte oder deathroad (Todesstraße) auf dem Programm. Früh morgens machten wir uns auf, bekamen ein Frühstück und Radausrüstung und starteten im Minibus Richtung La Cumbre auf 4700 Metern. Dort angekommen stiegen wir aus, bekamen unsere Räder und los gings. Bei der deathroad handelt es sich um die alte Verbindungsstraße von La Paz in den Norden des Landes. Bis 2006 ging sämtlicher Verkehr in Richtung Coroico über diesen spektakulären, schmalen, mit engen Kurven gespickten, nicht asphaltierten Weg. Das eigentlich gefährliche daran ist aber, dass sich diese Straße an einen Berghang schmiegt und es an manchen Stellen neben der Straße hunderte Meter fast senkrecht in die Tiefe geht. Zudem sind manche Passagen kaum oder gar nicht breiter als ein LKW und dementsprechend viele tödliche Unfälle gab es auf dieser Strecke (Name!). Heute nimmt eine andere, asphaltierte Straße, ausgestattet mit 107 Brücken eine andere Route nach Coroico und auf die deathroad gibt es kaum noch Verkehr, also ideal zum Radfahren.
Der erste Teil unserer Tour führte uns über die asphaltierte Hauptstraße, die schon seit den 1970er Jahren die alte Schotterpiste ersetzte. Dabei ging es hauptsächlich darum das Rad kennenzulernen und Geschwindigkeit aufzunehmen. Und das ging auch recht gut. Nachdem meinen Bremsen beim ersten Halt etwas korrigiert wurden und nicht mehr so sehr am Rad rieben, konnten wir richtig Gas geben und sogar LKWs und einen Bus überholen. Danach mussten wir für ein kurzes Teilstück zurück ins Auto bevor es dann im zweiten Teil über die alte Schotterstraße ging. Die insgesamt 19 Teilnehmer (ja ich weiß, sehr untypisch für uns) wurden in eine schnelle und eine langsamere Gruppe geteilt, jeder wohin er wollte. Wir entschieden uns für die langsame, waren dort aber dafür die Schnellsten. :-)
... und in Action.
Anja war richtig schnell unterwegs!
Es machte uns schon Spaß über diesen stets bergab führenden Weg downzuhillen, aber so gefährlich wie es beschrieben wird war es im Endeffekt nicht, zumindest nicht mit dem Rad (ein LKW ist was anderes). Die tödlichen Unfälle, die immer wieder passieren (angeblich stürzte eine Japanerin erst eine Woche vorher in den Tod) sind daher größtenteils auf Selbstüberschätzung bzw. unerwarteten Gegenverkehr kombiniert mit zu hoher Geschwindigkeit zurückzuführen. Kennt man seine Grenzen und kann etwas Radfahren ist es kein Problem. Also keine Sorge liebe Mütter, wir passen auf uns auf. Interessanterweise herrscht auf der deathroad Linksverkehr. Der angebliche Grund dafür, nämlich, dass bergauf fahrende Fahrzeuge ja Vorrang haben und im Notfall neben dem Hang fahren sollen, damit sie leichter in den Hang hineinlenken können und stehen bleiben leuchtete mir nicht ganz ein, denn auf diese Weise müssen bergab fahrende Fahrzeuge außen, neben dem Abgrund fahren und falls deren Bremsen versagen (was beim bergab fahren rein intuitiv gedacht etwas häufiger vorkommen könnte als beim bergauf fahren) haben die dann wohl die eine oder andere Schwierigkeit. Wie auch immer, für uns wars darum schon ein gewisser Nervenkitzel einen Meter neben dem Abgrund entlang zu rasen.
Gruppenfoto am sogenannten "balcon"
Gegen 14 Uhr kamen wir nach etwa 4 Stunden oder 3600 Höhenmetern an einem Restaurant mit Swimmingpool an. Das war zwar recht nett, die Milliarden Moskitos dort waren aber derselben Meinung und da der Minibus mit unseren Duschsachen noch im letzten Fluss, der die Straße querte feststeckte und ich blöderweise meine lange Hose schon vorher ausgezogen hatte, durfte ich am nächsten Tag ganze 53 Stiche auf meinem rechten Unterschenkel zählen. :-) Das Essen war dann so mittelmäßig aber zumindest ließen uns die Moskitos nach der kühlen Dusche relativ in Ruhe. Eine knapp vierstündige Busfahrt später waren wir zurück in La Paz und wurden von Maya mit Reis á la France, also Reis mit Sahne und Parmesan empfangen. :-) Wir hatten zwar keinen Hunger und waren hundemüde, aber man ist ja höflich.
Am nächsten Tag stand shopping auf unserer Aktivitätenliste. Sonntag ist dafür zwar nicht unbedingt der geeignetste Tag, weil doch einige Geschäfte und die meisten Marktstände geschlossen waren, andererseits waren dafür auch sehr wenige Leute unterwegs. Das eine oder andere Mal durfte ich aber trotzdem Pullover für diverse Väter/Brüder/Freunde anprobieren. Insgesamt war der Tag doch recht von Erfolg gekrönt, wie wir bei unserer Rückkehr auch präsentieren werden. Als kleines Dankeschön für Martin und Sisi wollten wir abends typisch österreichische Marillenknödel kochen. Allein schon das Besorgen der dafür nötigen Zutaten stellte sich jedoch als wesentlich schwieriger als gedacht heraus. Die vermeintlichen Marillen vom Markt entpuppten sich als winzig kleine und gelbe Pfirsiche, die auf den ersten Blick wirklich wie Marillen aussahen, die Kartoffeln waren besonders hartkochend (ideal für Kartoffelteig) und das Mehl, das wir erst im zweiten Supermarkt fanden, Vollkornmehl. Als ich dann auch noch begann Eier, Kartoffeln und Mehl auf dem Küchentisch zu einem Teig zu kneten, erntete ich schockierte Blicke von Martin und Sisi. Das Resultat des Ganzen schmeckte dann zwar etwas anders als erwartet und über das eine oder andere harte Kartoffelstückchen im Teig musste man hinwegsehen, Martin und Sisi schienen aber dennoch recht begeistert von den Pfirsichknödeln á la Hille zu sein, zumindest wollten sie Martins Eltern unbedingt einen mitbringen. :-)
Unsere deliziösen Pfirichknödel
Dieser kulinarisch anspruchsvolle Abend war gleichzeitig unser letzter in La Paz, vorerst, denn am Montag führte uns unser Weg weiter nach Norden, in die Tiefen des Amazonasbeckens…












Hi ihr beiden! Wo kriegt man denn mitten in Bolivien Brösel her? Und was glaubts ihr haben wir uns am BMW-Treffen in Garmisch letztes Wochenende angeschaut? Einen Dia-Vortrag über Motorradreisen in Bolivien - Highlight: die death-raod (mit LINKSVERKEHR wie der Vortragende betonte)und natürlich spektakulären Fotos!( Wie gesagt: im Geiste fahr ich eh mit euch ;))
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