Als wir nach unserer Odyssee am 16. Juni endlich in Puno ankamen hatten wir erst einmal Hunger. So gingen wir nachdem wir unser Zimmer bezogen hatten erst einmal zum Markt. Dort bekamen wir sogar noch etwas zum Essen und aus reiner Neugier bestellte ich mir ein "Inka Cola" dazu. Wie ich aber nach dem ersten Schluck feststellen musste ist dieses pipigelbe, picksüße Säftchen das wohl ekligste vorstellbare Getränk. Es schmeckt wie eine Mischung aus Red Bull und Kaugummisaft und selbst ich, der ja jede Menge Chemie gewohnt ist, konnte nicht mehr als zwei Schluck davon trinken. Am Abend wollte ich noch mit der Kreditkarte in einer Bank Geld abheben. Das hatte in Bolivien super geklappt und war günstiger als der Bankomat. So wartete ich eine knappe Stunde in der Bank um danach die Info zu erhalten, dass dieses Service nur bis 17 Uhr angeboten wird und mir eh nur der Bankomat blieb.
Am nächsten Tag gingen wir früh morgens zum Hafen von Puno, um uns ein Schiff zu den berühmten Islas Flotantes und zur Isla Amantani zu suchen, wo wir eine oder zwei Nächte bei einer Quechua-Familie verbringen wollten. Am Hafen wurden wir von zwei nicht unbedingt Vertrauen erweckenden Gestalten angesprochen, die uns ein Ticket für das Schiff verkaufen wollten. Während ich noch einmal zurück zum Markt ging um Früchte zu kaufen wurde Anja ununterbrochen voll gelabert und gedrängt so ein Ticket zu kaufen. Eigentlich wollten wir die öffentliche Fähre nehmen, aber da diese nur fährt wenn genügend Leute mitfahren und wegen der Straßenblockaden gerade wenig los war, blieb uns nur das Touristenschiff und wir mussten diesen schmierigen Typen tatsächlich Geld geben. Aber wenigstens ging es so gleich los und wir hatten einen Besuch bei den Islas Flotantes und einen Guide inklusive.
Die Islas Flotantes sind künstliche, aus Schilf gebaute schwimmende Inseln, die von dem kleinen Volk der Uros gebaut und bewohnt werden. Ursprünglich lebten die Uros am Seeufer aber nach der Conquista durch die Spanier hatten sie wenig Lust für den Reichtum Spaniens in den Goldminen zu schuften und zu sterben und so entschieden sie sich für die Flucht auf den See, wo sie vor den Spaniern sicher waren. So erzählte es uns zumindest unser Guide. Unser lonely planet meint sie wären schon vorher auf der Flucht vor den Inka auf den See gezogen. Wie auch immer, gelandet sind sie irgendwie auf dem See. Zunächst lebten sie wohl auf Schilfschiffen bevor sie begannen die aufwändigen Inseln zu bauen.
Diese sind wirklich atemberaubend. Die unterste Schicht besteht aus Schilfwurzeln und darüber werden dutzende Schichten von Totora-Schilf gestapelt, bis die Insel dick genug ist um Häuser und Menschen zu tragen. In der Trockenzeit muss zudem alle 10 Tage eine neue Schilfschicht darauf gelegt werden, um das Austrocknen und damit die Feuergefahr zu bannen. Der Bau einer Insel dauert etwa 1 Jahr und alle 8 Jahre müssen die Bewohner einer Insel (wenige Familien) auf eine neue umziehen, da das Schilf im Wasser langsam verfault.
Als wir auf den Inseln, von denen es dutzende gibt, landeten waren wir zugleich fasziniert und geschockt. Fasziniert, weil das gehen auf dem weichen Untergrund und die ganze Insel an sich einfach ein Erlebnis ist, das man nirgendwo sonst auf der Welt hat, geschockt, weil die Inseln und ihre Bewohner „auf schockierende Weise kommerzialisiert“ wurden, um den lonely planet zu zitieren, der dieses Mal wirklich Recht hatte.
Eine Reihe von traditionell gekleideten Frauen begrüßten uns gleich bei der Ankunft und nach ein paar kurzen Erklärungen vom Guide präsentierte ein junger, schüchterner Mann, der uns als Inseloberhaupt (recht unglaubwürdig) vorgestellt wurde in Aymara wie die Inseln gebaut werden. Danach suchte sich jede der Frauen ein paar Touristen aus, um ihnen ihr Haus zu zeigen, bevor wir an die Verkaufsstände geleitet wurden, wo allerlei Kunsthandwerk feil geboten wurde. Durch die weinerliche und flehende Art der jungen Frau, die sich uns aussuchte sahen wir uns fast genötigt etwas zu kaufen. Anschließend bot sich noch die Möglichkeit sich von besagten Frauen kostenpflichtig in einem „traditionellen“ Schilfboot zu einer anderen Insel rudern zu lassen, was wir dankend ablehnten.
Insel, Hütten und Häuser aus Schilff
Dort gab es außer einem Restaurant und weiteren Souvenirgeschäften nicht viel und wir waren froh als es endlich weiter ging. Unser Guide erzählte uns dann im Boot, dass dies nicht die einzigen Islas Flotantes seien, sondern dass sich dieser Stamm für den Tourismus entschieden hätte, während andere Gruppen weit draußen am See ein weiterhin traditionelles Leben mit Entenjagd und Fischfang führen würden und der Zutritt verboten sei. Wir fühlten uns besser, als wir erfuhren, dass sich nicht alle Uros derart für den Tourismus prostituieren würden.
Drei Stunden später erreichten wir die Insel Amantani. Auf dem Schiff hatten wir den Herrn Victoriano kennengelernt, der meinte er hätte ein Haus auf der Insel und seine Familie würde sich freuen, wenn wir bei ihnen bleiben würden. Das taten wir dann auch. Wir wurden herzlich von seiner Tochter Juana – insgesamt hat er 9 Kinder – mit einem kohlenhydratreichen Mittagessen begrüßt. Neben Kartoffeln gab es noch Oca, eine karottenähnliche Wurzel (die es jeden Tag dort gibt) und gebratenen Käse. Zum Nachtisch bekamen wir stets Muña-Tee, ein leckeres Kraut aus den Anden. Stolz zeigte uns Victoriano nach dem Essen ein Buch über Peru, das von einem französischen Pärchen in den 1990ern geschrieben wurde und worin er eine Hauptrolle spielt. In zahlreichen schönen Bildern illustriert es das Leben auf der Insel und Victoriano war wohl so etwas wie die Kontaktperson für die Autoren und war auf vielen der Bilder zu sehen.
Der Herd mit dem uns Juana bekochte
Mit uns war noch ein peruanisches Paar in der gleichen Familie, die aber kaum redeten und auch weniger begeistert waren als wir. Juana war seit dem Tod Victorianos Frau in die Mutterrolle für ihre beiden jüngsten Brüder Rene und Alexander geschlüpft. Außerdem hatte sie mit ihren 21 Jahren bereits selbst eine 4 jährige Tochter namens Cleyde, ein sehr aufgewecktes Kind, das sich den ganzen Tag lang selbst zu beschäftigen wusste. Juanas Mann arbeitet in einer Bäckerei in Puno und kommt nur jedes Monat für eine Woche auf die Insel, den Rest der Zeit ist Juana mit den 3 Kindern allein, da auch Victoriano die meiste Zeit auf den Fähren, seinem Arbeitsplatz, verbringt.
Wir beschlossen sehr bald nicht nur eine (wie die meisten Touristen), sondern zwei Nächte zu bleiben, damit wir mehr vom Inselleben mitbekommen. So beteiligten wir uns auch nicht an der Tour zu den beiden Hügeln Pachamama (Mutter Erde) und Pachatata (Vater Erde), sondern genossen den Nachmittag und vertrieben uns die Zeit damit zu beobachten wie ein Samstagnachmittag auf Amantani aussieht. Wie wir schon des Öfteren feststellen konnten sind Kinder überall auf der Welt gleich, selbst wenn die materiellen Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen sehr unterschiedlich sind. Und auch auf Amantani ist das nicht anders. Zwar gab es kein Spielzeug für die kleine Cleyde, dennoch hatte sie mit ihren beiden 13 und 14 jährigen Onkels viel Spaß, wurde geneckt, zahlte es demjenigen (meist Alexander) aber gleich wieder heim und spielte mit allem was sie fand.
Das Örtchen in dem das Haus von Victoriano stand hatte schon mal bessere Zeiten erlebt. Zwar sind alle Wege wunderschön mit Steinen gepflastert, es gibt Wasser aus einer Quelle weiter oben und sogar Straßenlaternen. Nur Strom gibt es keinen. Vor drei Jahren ging nämlich der Generator, der den gesamten Ort mit Strom versorgte kaputt und seitdem wurde noch keine Lösung für dieses Problem gefunden. Eine für uns völlig unverständliche Situation, denn in Anbetracht der relativ schönen Häuser und Straßen und dem Eintritt den sämtliche Touristen für die Insel zahlen, müsste doch irgendwie das Geld für einen neuen Generator aufzutreiben sein. Die Antwort warum das nicht so ist blieb uns Victoriano schuldig und so nahmen wir unser Abendessen (erneut viele Kohlenhydrate) bei Kerzenschein zu uns.
Für den Abend waren Musik und Tanz auf dem Programm. Wir waren zwar schon hundemüde, allein schon die Dunkelheit hatte dafür gesorgt, dennoch ließen wir uns einen grauen Poncho und Haube sowie einen bunten Rock mit weißer Bluse überziehen und gingen mit in den von batteriebetriebenen Energiesparlampen beleuchteten Saal, wo eine lokale Band traditionelle Andenmusik wie „Guantanamera“ und „La Bamba“ auf Panflöten und Gitarren spielten (Achtung Ironie!). Zur im Ernst recht guten Band tanzten dann wesentlich schlechter reichlich Touristen in Ponchos und Röcken, teils animiert von den Einheimischen bei denen sie wohnten. Wir hielten uns dezent zurück und auch Juana war nicht unbedingt eine wilde Partymaus und so blieben wir nicht lange.
Am nächsten Morgen schliefen wir aus, bekamen leckere Pancakes zum Frühstück und starteten langsam in den Tag. Das peruanische Pärchen war bereits wieder abgereist und so hatten wir die Familie für uns. Später gingen wir mit den Kindern Fußball spielen, was uns und ihnen sehr viel Spaß machte, aber in Anbetracht der 4000 Meter Seehöhe auch recht anstrengend war.
Eigentlich hatte uns Rene zugesagt uns danach auf die beiden Hügel Pachamama und Pachatata zu führen, am Ende hatte er aber wohl doch keine Lust mehr und wir gingen alleine. Das machte aber nix, denn genießen konnten wir die Landschaft mit ihren Terrassen und Steinmauern und dem herrlichen Blick über den Titicacasee trotzdem. Wir sahen zahlreiche Insulaner, die in ihren bunten Gewändern Kühe und Schafe hüteten oder auf dem Feld arbeiteten. Natürlich dauerte der Ausflug länger als gedacht und wir kamen ordentlich zu spät zum Mittagessen, was uns sehr peinlich war.
Aussicht vom Hügel Pachamama auf die Felder der Insel
Blick vom Pachatata
Den Nachmittag verbrachten wir entspannt im Garten und genossen die Ruhe und den Frieden, nur für den Sonnenuntergang gingen wir hinuter zum Hafen.
Sonnenuntergang am Titicacasee Eigentlich hatte es geheißen ein Schiff von unserer Agentur würde uns am folgenden Tag wieder von der Insel mitnehmen, es gab aber keines. Dafür nahm uns aber netterweise ein anderes Boot mit zur nahegelegenen Insel Taquile. Dort verbrachten wir noch etwas Zeit, wanderten hinauf zum Dorf, widerstanden allen Versuchen uns Armbänder zu verkaufen, sowie dem teuren Tourmittagessen und fanden am Nachmittag auch noch ein Schiff, dass uns zurück nach Puno brachte.
Alles in allem genossen wir die Zeit auf Amantani sehr und fanden es schade, dass wir weiter mussten, aber es warteten noch viele tolle Dinge auf uns, die gesehen werden wollten und so gönnten wir uns noch einen leckeren Titicacafisch in Puno (zum halben Preis wie auf Taquile) und bestiegen am Abend den Übernachtbus nach Cusco, dem Zentrum der Inkakultur.
Blick durch einen Torbogen aus Stein auf den Hafen von Taquile
Alles in allem genossen wir die Zeit auf Amantani sehr und fanden es schade, dass wir weiter mussten, aber es warteten noch viele tolle Dinge auf uns, die gesehen werden wollten und so gönnten wir uns noch einen leckeren Titicacafisch in Puno (zum halben Preis wie auf Taquile) und bestiegen am Abend den Übernachtbus nach Cusco, dem Zentrum der Inkakultur.












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