Donnerstag, 7. Juli 2011

Rurrenabaque


Es war der 6. Juni als wir unserem geliebten La Paz den Rücken kehrten. Wir wollten außer dem Hochgebirge noch das zweite Gesicht Boliviens, die weite Ebene des Amazonasbeckens kennenlernen. Dieser von tropischem Klima, Regenwald und Sumpfgebieten geprägte Teil Boliviens macht über die Hälfte der Landesfläche aus, ist aber nur schwer zugänglich und wurde erst in den letzten Jahrzehnten vom Hochland aus besiedelt. Der Tag begann gut, ein Bus nach Villa Fatima (Abfahrtsort des Fernbusses) war schnell gefunden und der Lebensmittelmarkt dort entzückte uns ungemein.
Als wir aber in den Bus einstiegen verging uns das Lachen recht schnell. Von Semicamas („Halbbett“ – recht komfortable Sitze mit genügend Abstand zum Vordersitz) verwöhnt kamen wir mit diesem „normalen“ Bus nur schwer zurecht. Erschwerend kam außerdem noch hinzu, dass wir ausgerechnet in der letzten Reihe unsere Plätze hatten (zusammen mit 3 anderen Touristen), wo die Rückenlehne nicht verstellbar war. So litten wir die folgenden 20 (!!!!) Stunden an unbequemen Sitzen, Platzmangel, einer ständig labernden Australierin und den ganz hinten besonders gut spürbaren Schlaglöchern. Ich würde sagen, es war die ohne Zweifel schlimmste Busfahrt im Verlauf der bisherigen Reise.

Andererseits war die Fahrt aber auch sehr spektakulär. Was uns keiner sagte ist, dass die deathroad (siehe „La Paz“) zwar bis Yolosa (nahe Coroico) durch eine neue, asphaltierte Straße ersetzt wurde, aber eben nicht weiter. Von Yolosa (etwa 4 Stunden von La Paz entfernt) aus führt nach wie vor die alte Straße weiter gen Norden. Zwar verläuft sie nicht mehr steil bergab (wie die deathroad) sondern eben, dennoch schmiegt sie sich an einen Berghang, mit sehr steilem und tiefem Abgrund auf der anderen Seite und wegen dem Linksverkehr durfte unser Bus auch noch außen fahren. An manchen Stellen konnte selbst Anja, die ganz hinten auf der linken Seite im Bus saß die Straße nicht mehr sehen und starrte direkt in den kleinen Fluss der bis zu etwa 200 Meter unter der Straße entlang plättscherte. Besonders interessant waren jene Passagen an denen es Gegenverkehr gab und der Bus zurücksetzen musste. Allzu genau dachten wir unserer Nerven wegen aber nicht darüber nach ob der Busfahrer beim rückwärtsfahren die Straße jetzt sehen konnte oder nicht. :-) So ging es für weitere etwa 3 bis 4 Stunden weiter, wir passierten kleine Örtchen, die allein durch die Vorbeifahrt des Busses zur Gänze in Staub eingehüllt wurden, fuhren malerische, enge Schluchten entlang und fragten uns warum in aller Welt hier jemand leben wollen sollte. Erst als wir Caranavi (glaub ich) erreichten wurde die Straße besser, das heißt, die Straße blieb schlecht, aber zumindest mussten wir nicht ständig um unser Leben fürchten. Außerdem wurde es nun dunkel und zumindest sahen wir nicht mehr wo wir entlang fuhren.
Irgendwann früh am nächsten Morgen erreichten wir schließlich doch noch Rurrenabaque, den Startpunkt für mehr oder weniger alle Aktivitäten in der Gegend. Dementsprechend viele Tourveranstalter, Hotels und Restaurants fanden wir in diesem Örtchen vor. Nach relativ kurzem Suchen, etwas Glück (2 andere Touristen hatten den Flieger verpasst) und recht zähen Verhandlungen hatten wir unsere Pampatour gebucht und gleich darauf ging es los. Die Pampa ist eine sumpfige Graslandschaft, die sich besonders gut zum beobachten von Vögeln, Reptilien und anderen Tieren eignet und weil ich des Klimas und der Moskitos wegen nicht unbedingt in den Dschungel wollte (wäre die andere Möglichkeit gewesen) fuhren wir halt dorthin. Zunächst ging es im Jeep für 3 Stunden nach Santa Rosa, wo wir nach dem Mittagessen ins Boot umstiegen und den Rio Beni bis zu unserer Lodge fuhren. Mit unserer Gruppe waren wir auch bei dieser Tour nicht besonders glücklich, sie bestand aus 2 Iren, 3 Briten und einer Kanadierin und über die ganzen 3 Tage taten wir uns schwer in ein Gespräch mit ihnen einzusteigen. Die meiste Zeit wurden wir recht gekonnt ignoriert. Dafür war unser Guide, Juan Carlos, überaus supi. Man konnte ihm die Begeisterung für die Natur ansehen und spüren, dass ihm sein Job richtig Spaß machte.

Unterwegs im Boot auf dem Rio Beni

Bereits auf dem etwa 3-stündigen Weg zu unserer Pampa-Lodge (mit Bar und käuflich erwerbbarem kaltem Bier und besonders cool, einem Hausalligator, der sämtliche Essensreste auffressen durfte) bekamen wir etliche Alligatoren, Affen und Vögel zu Gesicht. Besonders Größe, Farbenfrohheit und Vielfalt der zahlreichen Kranicharten (vermutlich) begeisterte uns. Manche saßen auf Baumspitzen und beobachteten die Umgebung, bei anderen schaute nur der Kopf aus dem Wasser, bereit nach dem nächsten Fisch zu schnappen. Nur fotografieren ließen sich diese illustren Zeitgenossen mit unserer bescheidenen Kamera nicht besonders gut.

Dieser Kollege hier sprang uns fast ins Boot

Alligator beim Sonnenbad

Capybara oder Wasserschwein

 Süßer kleiner Affe

Als wir schließlich ankamen, bezogen wir unsere Betten im relativ sporadisch zusammengezimmerten Schlafsaal mit 8 Betten (also 1 Raum für jede Gruppe) und durften uns unsere Gummistiefel für den nächsten Tag reservieren. Für Anja gabs nur noch welche mit Loch, für mich zunächst gar keine :-) Danach genossen wir unser erstes, reichhaltiges Abendessen in der Pampa, bevor wir mit etwa 30 anderen Leuten den Sonnenuntergang von einer, ich würde sagen improvisierten Plattform hoch oben in einem Baum bewundern durften.

Unsere Pampa-Lodge

 Romantischer Sonnenuntergang, leider ohne Einsamkeit

Als die Wildnis bereits von Dunkelheit überzogen war, bestiegen wir noch einmal das lange, schmale, mit Klappsesseln ausgestattete Boot und fuhren in die Nacht hinaus. Es war einerseits etwas gruselig nicht genau zu sehen wo man hinfährt und darauf zu warten, dass ein leuchtendes Kroko-Auge (eigentlich sind es Alligatoren, aber Kroko klingt besser) neben uns aus dem Wasser auftauchte, andererseits war es aber auch spannend und sehr schön unter dem Sternenhimmel den Geräuschen des Flusses zuzuhören. Viele Krokodile bekamen wir nicht zu Gesicht, trotzdem genossen wir den nächtlichen Ausflug sehr.

Eine viel ruhigere Nacht als wir uns sie vorgestellt hatten später waren wir bereit für unsere Anakonda Suche. Juan Carlos chauffierte uns zur etwa 15 Minuten entfernten Anlegestelle, von wo aus wir durchs Gras wanderten, um so eine schwarz-gelbe Riesenschlange zu finden. Waren wir zunächst noch trockenen Fußes unterwegs, änderte sich bald die Bodenbeschaffenheit und wir wateten durch immer tieferes Wasser. Das Loch in Anjas linkem Stiefel verfehlte seine Wirkung nicht und so schwamm sie mehr als dass sie watete. Zum Glück hatte Juan Carlos früh morgens noch Stiefel Größe 45 (besser als gar nix) für mich auftreiben können, ansonsten hätte mich wohl das gleiche Schicksal ereilt, zumal meine teuren Marken-Trekkingschuhe schon recht eindeutige Auflösungserscheinungen (nach 2 Monaten!!!) aufwiesen. Anakonda fanden wir leider keine, ganz im Gegensatz zu einer anderen, israelischen Gruppe, deren Guide voller Stolz das arme Tier kopfüber in die Höhe hielt und mit allen Mädchen stolz ein Foto machte. Die mutigsten Männer der Gruppe trauten sich sogar selbst die Schlange mit ihren von Anti-Moskito-Mitteln vollgeschmierten Händen anzufassen und sich damit ablichten zu lassen. Wir waren von dem Spektakel eher angewidert und schauten so schnell wie möglich weiterzukommen. Durch mein Kopfschütteln und vor mich hin schimpfen aufmerksam gemacht, versuchte ein anderer Guide, mir zu erklären, dass sie der Schlange damit ja nicht weh tun würden und sie danach wieder ihre Wege gehen könne, dass ihr das Ganze Spaß macht wage ich aber dennoch heftigst zu bezweifeln. Juan Carlos sah das übrigens genauso, was uns sehr positiv stimmte. Anscheinend gibt es noch einige Menschen, die Freude an der Natur haben und nicht nur darauf aus sind jeden Touristenwunsch zu erfüllen.

Unterwegs auf der Suche nach Anakondas

Die Sonne stand schon sehr hoch als wir zurück zum Boot kamen und Anja endlich ihren Stiefel ausleeren konnte. Trotz des Misserfolges bei der Schlangensuche war die kleine Wanderung durchaus die Anstrengung wert gewesen.
Am Nachmittag wollten wir dann Piranhas fischen. Wir waren etwas von den Bildern, die der Film „Piranha“ (siehe „Von San Pedro de Atacama zurück nach Bolivien“) in unsere Gehirne gebrannt hatte vorbelastet, aber alle Sorgen stellten sich als unbegründet heraus. Die Art und Weise wie diese kleinen Biester aber auf das Fleisch am Angelhaken reagierten kann einen trotzdem nachdenklich machen. Kaum war nämlich der Haken mit einem kleinen Stück Steak daran im Wasser konnte man bereits die ersten Zuckungen von attackierenden Piranhas spüren und nach maximal einer Minute war der Köder auch schon wieder verschwunden. Juan Carlos entpuppte sich als erfahrener Fischer, denn er zog einen Piranha nach dem anderen ins Boot und durchbohrte deren Köpfe mit seinem Messer. Ich versuchte seine Taktik – kurzes ruckartiges anziehen wenn man glaubt eine Zuckung der Schnur zu spüren – zu kopieren, brachte damit aber eher Anja durch herumfliegende Angelhaken in Gefahr als Piranhas an Land. Am Ende gelang es mir schließlich doch noch einen dieser kleinen Fische zu erbeuten, allerdings hing der Kollege nicht am Haken, sondern wurde durch das kurze Anziehen an der Schnur an Bord geschleudert. Das Einfangen und aufschlitzen übernahm dann, feige wie ich bin, glücklicherweise Juan Carlos. Trotzdem landet dieser Fisch auf meiner Trophäenliste :-)

Hille voll Stolz und mit Piranha, der an der Schwanzflosse schon etwas angeknabbert war


 Auch wenn sie klein sind tut ein Biss wahrscheinlich trotzdem ziemlich weh :-)

Kurz vor Sonnenuntergang oder 8 Piranhas (5 davon von Juan Carlos erlegt) später hatten wir kein Fleisch mehr übrig und fuhren darum zu einer kleinen Anlegestelle mit Fußballfeld und Bar um erneut den Sonnenuntergang zu erleben. Wir fanden diesen offensichtlich dem Zwecke der Geldbeschaffung wegen errichteten Ort nicht besonders prickelnd und beteiligten uns weder an Konsum noch Sport. Auch das Argument, wir würden durch unseren Konsum ja die Einheimischen unterstützen wollten wir nicht ganz gelten lassen, denn unser Geld würde kaum diejenigen erreichen, die es wirklich nötig haben. Unsere ablehnende Haltung dem Fußballspiel gegenüber hatte außerdem den positiven Effekt, dass wir nicht verschwitzt waren und von den doch zahlreichen Moskitos herzlich ignoriert wurden, was man von anderen Gruppenmitgliedern nicht behaupten konnte.
 
Zum Abendessen gab es dann Piranhas. Geschmacklich waren diese Fische jetzt keine Sensation und auch rein nährwerttechnisch wäre es wohl besser gewesen das Steak, das wir an sie verfütterten selbst zu essen, denn es war kaum ein Gramm Essbares an so einem Fisch auffindbar. Drei Viertel des Tieres sind Kopf und man fragt sich, wo das ganze Fleisch, das sie verputzen (angeblich brauchen sie etwa 30 Minuten um einen Kuhkadaver zu fressen) hingeht. Ein Abenteuer war es trotzdem und es gab neben den Piranhas ja noch genug anderes Futter. :-)

Der Sonnenaufgang am nächsten Morgen war der nächste Programmpunkt. Dementsprechend früh starteten wir auch los, so früh, dass wir unsere Kamera gleich einmal vergaßen. Viel verpasst haben wir dadurch aber nicht, denn unser Ziel war einfach eine Wiese mit freiem Blick Richtung Osten, wo wir mit etwa 5 anderen Gruppen dem Aufstieg unseres Muttersterns zusahen. Interessanterweise begleitete uns nun auch wieder jener Engländer (Name vergessen), der zuerst ungewollt bei einer anderen Gruppe war, dann zu uns wechselte um danach 1 Tag und 2 Nächte „extremst“ krank zu sein (er musste in der ersten Nacht immerhin einmal aufs Klo, aß aber sämtliche Mahlzeiten normal mit). Dafür verantwortlich war seiner Meinung nach übrigens das Eis in dem Saftkrug, von dem er ein kleines Glas getrunken hatte (Anja und mir tat es nix) und deshalb hatte er dann kein Vertrauen mehr zu unserem Guide, weil ihm dieser gesagt hätte das Eis wäre aus gefiltertem Wasser. Man, man, man… :-)

Nach dem Frühstück folgte als letzte Aktivität das Schwimmen mit Flussdelfinen. Unsere Erwartungen waren eher gedämpft, warum sollten wild lebende Delfine mit vor Sonnencreme und Anti-Moskito-Mitteln triefenden Touristen schwimmen wollen? Es kam aber ganz anders. Als wir eine etwas breitere Stelle im Fluss erreichten entdeckten wir einige dieser weißen Säugetiere und schon bald waren wir in dem Wasser, in dem wir in den letzten Tagen Piranhas gefischt und Alligatoren beobachtet hatten. War schon spannend. Langsam kamen immer mehr Touristengruppen an und bald waren auch etliche im Wasser und schrien und kreischten durch die Gegend. Interessanterweise ließen sich die Delfine davon aber nicht abschrecken, sondern hatten sogar ihren Spaß daran einige Leute anzustupsen (leider nicht uns). Juan Carlos wollte nicht mit schwimmen, er meinte er müsste nach Krokodilen Ausschau halten, um uns vor diesen zu beschützen. Zum Thema Gesundheitsbewusstsein durften wir dann auf dem Rückweg eine weitere herrliche Geschichte miterleben. Die Kanadierin (Name vergessen) drehte sich plötzlich mit Zigarette in der Hand (!!) zu Juan Carlos um und sagte mit ernster Miene: „Ich hab vorhin beim Schwimmen unabsichtlich einen Schluck Wasser getrunken! Ist das gefährlich? Was soll ich denn jetzt machen?“ Wir mussten uns, genauso wie Juan Carlos, das Lachen etwas verkneifen. Rauchen beeinflusst anscheinend das Logikzentrum im Gehirn enorm. :-)

Am Nachmittag war die Tour dann leider schon wieder zu Ende. Wir wurden in Santa Rosa abgeliefert, nachdem unterwegs der Sprit ausging und sich Juan Carlos zwei Liter von einem anderen Boot schnorren musste. Ein Minivan brachte uns dann zurück nach „Rurre“. Diese Fahrt dauerte ewig, weil Felix, unser zuckersüßer Fahrer besonders besorgt um sein neues Auto und um die wertvollen Touristen war. So hielt er sich, wahrscheinlich als einziger überhaupt, peinlich genau an die Vorgaben (vermutlich vom Tourismusministerium oder so) nicht schneller als 40 zu fahren, wenn Touristen im Auto sind. Die anderen fanden das, auch aufgrund der defekten Klimaanlage ziemlich nervig, ich aber kam mit Felix ins Gespräch und er erzählte mir von seiner Zeit als Bauarbeiter in Spanien, wo alles so supi war, bis die Krise kam und er zurück nach Bolivien musste. Allerdings hat er noch zwei Kinder, die in der Schweiz arbeiten und die Hoffnung irgendwann nach Europa zurückkehren zu können. Und als wir schon gar nicht mehr damit gerechnet hatten kreuzte doch tatsächlich eine Anakonda direkt vor dem Auto die Straße. Leider war sie schon verschwunden als wir ausstiegen, dennoch hatten wir unser Schlangenerlebnis.
 
In Rurrenabaque hätten wir gerne noch einmal mit Juan Carlos geredet, denn er hatte uns eine private Dschungeltour in Aussicht gestellt, die wir gerne gemacht hätten. Leider kamen wir aber erst etwa eine Stunde nach allen anderen Fahrzeugen an und so verpassten wir ihn. Im Nachhinein erfuhren wir aber, dass er eh keine Zeit gehabt hätte. So beschlossen wir tags darauf zurück nach La Paz zu fahren, wieder im Bus. Dieses Mal aber waren wir schlauer und gingen zum zentralen Busbahnhof, um uns die Busse anzuschauen. Wie wir zu unserer Überraschung feststellen konnten gab es nämlich (entgegen der Auskünfte in La Paz) mehrere Busunternehmen, die diese Strecke bedienten und wie wir ebenfalls bald bemerkten war jenes, mit dem wir hergekommen waren das schlechteste. So war die Fahrt zurück nach La Paz wesentlich entspannter und bequemer, wenn auch am Ende etwas kalt. Besonders toll daran war, dass wir jetzt genau jenen Teil der Route sahen, den wir auf dem Hinweg verschlafen hatten. Und das lohnte sich wirklich. Zunächst ging es stundenlang durch den Dschungel, bevor dann endlich die ersten bewaldeten und teilweise spektakulär steilen Hügel und Berge auftauchten über die sich der Bus elendig langsam drüberquälen musste, es aber am Ende in den erwarteten 20 Stunden schaffte.

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