Sonntag, 12. Juni 2011

Paraguay

Es war der Morgen des 19. Mai als wir Brasilien den Rücken kehrten und uns unser Weg in Richtung des nur einen Katzensprung entfernten Paraguay führte. Erneut warnte uns unser Lonely Planet: die Puente de la Amistad, jene Brücke, die das brasilianische Foz do Iguacu mit dem paraguayischen Ciudad del Este verbindet, sollte man nicht zu Fuß überqueren. Immer wieder käme es dort zu Überfällen. Weil wir uns aber nicht 2 Busse leisten wollten (die warten nämlich nicht bis man die Stempel im Reisepass hat!!) gingen wir trotzdem, gemeinsam mit hunderten Brasilianern und Paraguayern zu Fuß. Und wieder passierte nichts. Wir fragten uns auch welcher Ganove so idiotisch sein würde bei helllichtem Tag vor dutzenden von Zeugen einen Raubüberfall zu wagen… 

Die Puente de la Amistad. Aus Angst überfallen zu werden hab ich das nur schnelll schnell gemacht.

Die Grenze scheint  für Einheimische mehr oder weniger offen zu sein, zumindest waren wir die Einzigen, die sich brav ihre Pässe abstempeln ließen. Noch nicht am anderen Ufer angekommen boten uns schon die ersten recht grimmig schauenden Männer alle möglichen Elektronikartikel, von Handy bis zur Waschmaschine an. Da Paraguay wesentlich ärmer ist als Brasilien hat sich Ciudad del Este (wohl auch wegen der offenen Grenze) zu einem gigantischen Umschlag- und Schmuggelplatz für alle möglichen Produkte aus südostasiatischen Fabrikhallen entwickelt. Ein Einkaufszentrum ragt neben dem anderen in die Luft und es ist schwer sich durch die dutzenden legalen oder illegalen Anbieter von hitech- Waren zu wühlen.
Gleich bei der Einreisestelle in Ciudad del Este gab es eine erste Touristeninformation, wo wir uns  über Mittel und Wege hin zum nahegelegenen Itaipu-Staudamm, dem zweitgrößten der Welt schlau machen wollten. Die schockierende Nachricht war, dass es gerade technische Probleme oder eine Revision oder sowas gab und der Damm deshalb gerade für die Öffentlichkeit geschlossen sei. Ich war sehr enttäuscht darüber, da ich mich sehr auf dieses technische Wunderwerk gefreut hatte. Trotzdem beschlossen wir nicht wieder zurück auf die brasilianische Seite zu gehen um uns von dort aus eine teure Führung zu leisten, sondern einfach gleich weiter zu fahren. Es ist sowieso besser sich ein paar Dinge für eventuelle zukünftige Reisen aufzusparen. (*gequältes :-) *).
Der Weg durch das bereits erwähnte Händlergewühl war schwierig und anstrengend und die Suche nach einem Bus zum Busbahnhof auch. So fragte ich schließlich eine Polizeistreife nach der nächsten Einsteigemöglichkeit. Die überraschende Antwort (sinngemäß widergegeben): „ Also, ihr müsst da nach vorne und dann… ach wisst ihr was? Wir bringen euch schnell hin.“ 2 Minuten später saßen wir im Pick up von Comisario Principal Odilio González Herrera und seinen Kollegen und bekamen quasi eine gratis Stadtrundfahrt. Odilio war wahrscheinlich ein recht ranghoher Offizier, der uns für sein Land zu begeistern versuchte. Paraguay sei nicht gefährlich, sehr entspannt und wunderschön und gerade jetzt im 200sten Jahr der Unabhängigkeit gäbe es viel zu feiern. „Habt ihr was zum Schreiben“, fragte er schließlich, als wir am Busbahnhof ausstiegen, „ich gebe euch meine Telefonnummer, falls ihr in Paraguay irgendwelche Probleme habt, ruft mich an und ich regle das für euch, ok? Willkommen in Paraguay!!“

Unser nächstes Ziel war Encarnacion, die Perle des Südens, etwa 5 Stunden Busfahrt südwestlich von Ciudad del Este. Etliche Busunternehmer priesen lautstark ihre Verbindungen dorthin an. „Um halb 10 geht der nächste, supergünstig!“ schrie uns einer entgegen. Halb 10? Das war vor einer halben Stunde, aber erst als wir die drei Uhren mit brasilianischer, paraguayischer und argentinischer Zeit bei der Info sahen begriffen wir, dass Paraguay eine Stunde hinter den beiden großen Nachbarn hinterherhinkt. Das macht zwar geografisch wenig Sinn, da v.a. Argentinien zu einem großen Teil weiter westlich liegt, aber ist wahrscheinlich Absicht, weil Paraguay in einer der heißesten Regionen Südamerikas liegt und es so bereits um halb 6 stockdunkel und damit auch etwas kühler ist. Nach kurzem Verhandeln und von dem vielen Geschrei etwas verwirrt saßen wir dann auch bald zusammen mit lediglich 3 anderen Menschen in einem Bus. Wahrscheinlich hätten wir besser daran getan dem Geldwechsler am Busbahnhof unsere brasilianischen Reais anzuvertrauen, anstatt den Bus damit zu bezahlen, aber am Ende war das auch egal.
Paraguay ist wirklich ein sehr grünes, mit Orangenbäumen gespicktes Land, das derzeit ob der 200 Jahrfeiern zur Unabhängigkeit vor Selbstvertrauen und blau-weiß-roten Fahnen nur so strotzt. Der Bus füllte und leerte sich mehrmals auf dem Weg nach Encarnacion, teils mussten wir unsere Rucksäcke auf den Knien platzieren, damit alle Menschen Platz fanden. Obwohl Paraguay statistisch gesehen das zweitärmste Land des Kontinents ist, wirkt es nicht so, Straßen und die meisten Häuser machen einen recht soliden Eindruck und besonders in den Städten hatten wir das Gefühl, dass es den Menschen recht gut geht. Allerdings sahen wir vom Landleben außerhalb des Buses praktisch gar nichts.

Am nächsten Morgen kosteten wir unser erstes und auch bestes chipa, ein Maisbrot, das frisch sehr lecker schmeckt, aber leider meist nur in etwas verwelktem Zustand käuflich erwerbbar ist, und brachen zu den Hauptsehenswürdigkeiten des ganzen Landes auf, den Jesuitenruinen von Trinidad und Jesus. Die Jesuiten spielten in der Geschichte Paraguays und den Regionen rundherum eine bedeutende Rolle. Bis zu ihrer Vertreibung im Jahre 1767 stellten sie einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar und lieferten einen großen Beitrag zur Urbarmachung des Landes, sowie zur Stabilisierung des spanischen Kolonialreiches. Inwieweit sie allerdings die ortsansässigen Indios als billige Arbeitskräfte missbrauchten ist „nicht ganz geklärt“, wie ich der entzückenden deutschsprachigen Broschüre des Hotels „Las Ruinas“ gleich neben den Ruinen in Trinidad entnehmen konnte. Wenigstens waren die Guarani durch diese Missionen in relativer Sicherheit vor den Spaniern und Portugiesen.
In Trinidad, etwa 1 Stunde Busfahrt außerhalb von Encarnacion hatten die Jesuiten eine ihrer größten reducciones (Siedlungen) und die Ruinen sind noch sehr schön erhalten. Ein kurzer Stationsweg führte von der Hauptstraße zu dem UNESCO-Weltkulturerbe, was mir die Gelegenheit gab Anja etwas in die katholischen Gepflogenheiten einzuführen. Überhaupt spielt Religion in Paraguay im öffentlichen Leben eine wesentlich größere Rolle als in Argentinien oder Chile. Religiöse Sprüche und Bilder oder etwa die 10 Gebote (wie im Bus nach Encarnacion) sind keine Seltenheit an den Wänden öffentlicher und privater Einrichtungen. Nachdem eine Reisegruppe kurz nach unserer Ankunft die Ruinen wieder verließ hatten wir das ganze Gelände mehr oder weniger für uns und konnten ungestört umherwandern, die Behausungen der Indios, die wesentlich größeren der Mönche, das Kloster und die zwei wirklich schönen Kirchen bestaunen.

Die Ruinen von Trinidad



"Du kommst hier ned rein!"



Am frühen Nachmittag wollten wir weiter zu den nahegelegenen Ruinen von Jesus. Dieses Unterfangen stellte sich jedoch wesentlich schwieriger heraus als gedacht. Von insgesamt 4 Parteien bekamen wir 4 verschiedene Auskünfte über Busse und Buszeiten: am Ticketschalter hieß es sie würden häufig fahren, an der Tankstelle wo der Bus stehenbleiben sollte meinte der Tankwart, der nächste würde erst gegen 17 Uhr fahren (es war aber erst 14 Uhr), eine Dame, die in die gleiche Richtung musste, sagte wir müssten bis 16 Uhr warten und sollten uns mit ihr ein Taxi teilen (was wir auch taten) und in Jesus selbst erfuhren wir schließlich dass eh jede Stunde ein Bus gefahren wäre. Und da soll sich nochmal jemand über die ÖBB aufregen :-)
Die Ruinen von Jesus waren jenen von Trinidad sehr ähnlich aber noch einsamer und unbesuchter, sodass uns das gesamte Gelände allein zur Verfügung stand. Wir köpften unsere erste Ananas und spazierten Fotos schießend über die frisch gemähten Wiesen.

Die Ruinen von Jesus



Als wir dann auf den Bus warteten trafen sich gerade sportliche Männer mittleren Alters zu ihrem (wohl regelmäßigen) Volleyballspiel, dessen Spielgerät alle paar Ballwechsel neu aufgepumpt werden musste. Ich hätte gerne mitgespielt, war aber zu schüchtern zu fragen. Der Bus zurück nach Trinidad sollte auch nicht unerwähnt bleiben. An ihm kann der menschliche Erfindungsreichtum in Zeiten der Not perfekt illustriert werden. Der Fahrersessel bestand aus einem Camping- Klappstuhl, die Tür ließ sich über ein Seil öffnen und die Sitze wurden mit allem erdenklichen Material geflickt. Geschätztes Alter des Vehikels mindestens 40 Jahre.
Zurück in Encarnacion konnten wir ein klein wenig an den Unabhängigkeitsfeiern teilhaben und besuchten zusammen mit einem netten britopolnischen Ehepaar und einem Südafrikaner ein gratis Popkonzert der argentinischen Ska-Band Los Auténticos Decadentes, die wohl eine recht große Nummer in der Gegend ist. Der Abend war damit aber noch nicht abgeschlossen, denn eine halbe Stunde nach Mitternacht bestiegen wir bereits unseren nächsten Bus, der uns in 7 Stunden nach Assuncion, der Hauptstadt des Landes bringen sollte.

1 Kommentar:

  1. Jetzt denke ich mir dass wir doch nach Paraguay hätten gehen sollen. Schaut echt cool aus.

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