Mittwoch, 25. Mai 2011

Rapa Nui


Es hat lange gedauert, aber hier ist unser nächster Beitrag und der ist dafür extra lang. Weitere sind bereits in Arbeit, sollte also bald Neues geben.

Endlich war es soweit! Am 06. Mai in aller Herrgottsfrüh standen wir auf, wanderten entlang der dunklen, verlassenen Avenida Brasil zur Bushaltestelle und fuhren zum Flughafen. Unser Ziel war Rapa Nui, besser bekannt als Osterinsel, mitten im pazifischen Ozean. Es sollte das bisherige Highlight unserer Reise werden. Mit über einer Stunde Verspätung startete endlich die überaus moderne und gut ausgestattete Boeing 767 der Fluglinie LAN. Fast 5 Stunden später landeten wir auf dem kleinen Eiland. Die Landebahn des Flughafens erstreckte sich über praktisch die gesamte Inselbreite an dieser Stelle. Ein komisches Gefühl, aber das Flugzeug blieb rechtzeitig stehen und wir versanken nicht im Pazifik. Die Osterinsel stellt den isoliertesten bewohnten Punkt der Welt dar, der nächste bewohnte Ort ist die über 2000 km weiter westlich gelegene kleine Insel Pitcairn auf der 48 Nachkommen der Meuterer der berühmten Bounty wohnen. Der südamerikanische Kontinent liegt über 3500 km weiter im Osten.
Trotz dieser Abgeschiedenheit wurde die Insel bereits vor 1500 Jahren von Polynesien aus besiedelt. Für uns unvorstellbar wie angesichts der Lage und der damaligen technischen Möglichkeiten die Insel gefunden werden konnte.
Seit ihrer Besiedelung entwickelte sich auf der Insel die Kultur der Rapa Nui. Ob es Kontakte zur Außenwelt gab oder nicht ist umstritten, jedenfalls hatten die Rapa Nui einen sehr engen Bezug zu ihren Vorfahren und aus diesem Ahnenkult gingen hunderte der berühmten Steinstatuen (moais) hervor, die wohl jeder schon einmal gesehen hat. Nach der Entdeckung der Insel durch den Holländer Jakob Roggeveen am Ostersonntag (Name!) des Jahres 1722 ging es (natürlich) mit der Kultur den Bach hinunter. Streit, Krieg und Krankheiten dezimierten die Bevölkerung und sämtliche Statuen wurden im Laufe der nächsten 150 Jahre umgeworfen und/oder zerstört. Für etliche Jahre war die Insel (inklusive Einwohner) als Ganzes als Schaffarm verpachtet. Die Rapa Nui durften die Hauptstadt Hanga Roa nicht verlassen und sich nicht frei in ihrer Heimat bewegen. Erst als die Insel für den Tourismus interessant wurde, konnten mehrere Statuen wieder aufgestellt und einige historische Stätten restauriert werden. Heute geht es der Insel recht gut, der Tourismus blüht und immer mehr Chilenen wollen in der Hoffnung auf ein besseres Leben auf die Insel, was natürlich wieder neue Probleme schafft.

Nach der Landung wurden wir von feuchttropischem, aber nicht allzu heißem Klima, Inselklängen und einer 5 Mal höheren Eintrittsgebühr als im Reiseführer beschrieben empfangen. Rapa Nui ist wohl eher ein Pauschal- bzw. Familienurlaubsziel (zumindest waren viele Kinder im Flugzeug), denn wir waren glaub ich die einzigen in der Maschine, die keine Hotelreservierung hatten. Dementsprechend belagert wurden wir von den zahlreichen Unterkunftsanbietern am Flughafen. Als wir es endlich geschafft hatten den Flughafen zu Fuß zu verlassen folgte uns eine ältere Dame ganz einfach, erzählte allerlei Klatsch und Tratsch und wollte uns ihre Zimmer zeigen. Mehr um sie loszuwerden sagte ich schließlich, dass wir kaum Geld dabei hätten und wir uns ihre Zimmer nicht leisten könnten. Die unerwartete Antwort darauf war: „Na gut, ich kann es euch um etwas mehr als die Hälfte geben, aber ohne Frühstück!“ und schon hatten wir ein Zimmer. Patricia entpuppte sich in den folgenden Tagen als nette, stolze Oma, die mit einem Rapa Nui verheiratet ist und allerlei über die Insel zu berichten wusste. 2009 war sie eine der Frauen, die den Flughafen blockierten um gegen die zunehmende Einwanderung zu protestieren.
Es war erst Nachmittag und so erkundeten wir noch etwas den Hauptort Hanga Roa, schauten uns die ersten Moais im Ort an und besuchten die bedeutende Stätte Tahai mit seinen Statuen, die wohl jeder Tourist (wir eingeschlossen) ungefähr 200 mal bei Sonnenuntergang fotografiert.

Die Moais von Tahai bei Tag mit Hanga Roa im Hintergrund...

 ...und bei Sonnenuntergang 2 Tage später.

Die Insel ist wohl wirklich ein kleines tropisches Paradies. Die Kinder sind den ganzen Tag mit ihren Bodyboards auf dem Meer und die Mentalität scheint eher von der gemütlicheren Art zu sein. Nur das Essen ist teuer. :-) Abends saßen wir noch lange mit unseren Zimmernachbarn, einem tschechoamerikanischen Künstlerpaar (Lad und Jana), auf der kleinen Terrasse, ließen uns von den Moskitos zerstechen und besprachen die dringendsten Probleme dieser Welt. Sie machten uns auch eine kleine gelbe Frucht schmackhaft (Guave), die überall auf der Insel wild wächst.

Für unseren ersten vollen Tag borgten wir uns mal wieder 2 Fahrräder aus, womit wir wohl die Einzigen auf der gesamten Insel waren, die den ca. 55 km langen Rundkurs nicht mit dem Auto bewältigten. Es war sonnig und warm, unsere Räder in perfektem Zustand und unsere Ziele ambitioniert. Es konnte also los gehen. Wir radelten zunächst entlang des Rollfeldes am Flughafen, dann entlang der Küste. Schon bald merkten wir, dass praktisch jeder Stein auf der Insel von archäologischer Bedeutung ist und so beschränkten wir uns aus Zeitgründen auf die wichtigsten Stätten. Besonders beeindruckend war der Vulkankrater Rano Raraku (mit idyllischem Kratersee) aus dem die teilweise riesigen Statuen gehaut und danach über die ganze Insel transportiert wurden. Wie ist unklar.
 
Wilde Pferde in der Idylle der Insel

Einer der zahlreichen Moais am Rano Raraku
 
und weitere Impressionen von dort...

 
 
 Der mit Schilf bewachsene Kratersee.

Nicht weit von Rano Raraku entfernt liegt die berühmte Stätte Tongariki wo 15 Statuen in einer Reihe aufgestellt über das Land blicken. Die Figuren stehen übrigens immer mit dem Rücken zum Meer und bewachen so die Zeremonienplätze (ahu) direkt davor. 

Die gewaltigen Statuen von Tongariki
 
Es war schon Nachmittag als wir unsere letzte Stätte besuchten und zum wiederholten Male eine kleine Gruppe Amerikaner trafen. Eine Dame sprach uns auch gleich mit den Worten: „You guys are doing so great with your bikes!“ an und kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, dass wir doch tatsächlich mit dem Fahrrad die Insel befuhren. Das machte uns schon etwas stolz. :-)
Gegen 4 Uhr nachmittags hatten wir dann genug von Kultur und Archäologie und kamen endlich am kleinen Strand Ovahe an, einem malerischen Ort umgeben von hohen Felsklippen. Zum ersten Mal auf unserer Reise packten wir unsere Schwimmsachen aus und genossen das warme Wasser des Pazifiks. Allerdings war unser Heimweg noch weit und so brachen wir auch bald wieder auf. Die Straße führte quer über die Insel, zunächst auf einen Hügel, der von der Dame im Fahrradverleih als weniger hoch beschrieben wurde, dann dafür aber nur mehr bergab. Gerade noch schafften wir es zum überaus romantischen Sonnenuntergang zurück nach Hanga Roa. Ein wundervoller Tag.

Unser geheimer Strand Ovahe, gut versteckt vor den Touristen

 Hille mit Rad und Kamera-am-Gürtel-trag-Outfit (schäm)

 Der Hauptstrand der Insel bei Anakena. Auch schön, aber nicht so einsam.

 Sonnenuntergang am Hafen

Am nächsten Morgen ließen wir uns etwas mehr Zeit mit dem Aufstehen und wanderten anschließen auf den zweiten Vulkan der Insel, Rana Kao. Oben angekommen erwartete uns ein immenser Krater, wunderschön erhalten und riesengroß und ein tropischer Regenschauer. Klatschnass erreichten wir die Stätte Orongo wo wir uns unter einem Dach vor dem Regen verstecken konnten. In Orongo sind mehrere Wohngebäude aus Stein rekonstruiert worden, das ganze Dorf diente wohl als Zentrum für den Birdman-Kult, der ab dem 16. Jahrhundert nach und nach die Ahnenverehrung  in Form von Moais ablöste Durch seine Lage mit einem beeindruckenden Vulkankrater auf der einen und hunderte Meter hohen Klippen auf der anderen Seite haftete diesem Ort tatsächlich etwas Mystisches an. 
Zentraler Faktor des Kultes ist ein Wandervogel (ich glaube eine Seeschwalbe), der jedes Jahr auf einem winzigen Eiland (Motu Nui) südlich der Osterinsel in Sichtweite von Orogno nistet. Die Häuptlinge aller Stämme und Sippen schwammen jedes Jahr von Orongo aus zu diesem Inselchen, nachdem sie zuvor irgendwie die Klippen hinuntergeklettert waren und warteten dort Tage und Wochen auf die Ankunft der Vögel. Danach begann die Eiersuche, denn derjenige, der das erste Ei findet und zurückbringt ist für ein ganzes Jahr geheiligt oder sonst irgendwie besonders. Sehr kreativer Wettbewerb wie wir fanden, leider überlebte auch dieser Kult die Entdeckung der Insel durch Europäer nicht besonders lange. Abends genossen wir zuerst den Sonnenuntergang bei den Statuen von Tahai bevor uns Patricia einen ausgezeichneten Fisch grillte (den ihr Mann, ein Fischer, tags zuvor erbeutet hatte) und uns anwies ja alles vom Fisch, bis aufs Skelett zu essen, das mache man nämlich so auf Rapa Nui. Wir bemühten uns dem nachzukommen, aber die Augen schmeckten dann aber doch etwas seltsam.

Die Insel (es ist die größte der drei), wo der Wandervogel jedes Jahr nistet und die Häuptlinge hinschwammen, von Orongo aus fotografiert. Da gehts noch ein paar hundert Meter fast senkrecht ins Meer hinab.

Rekonstruierte Häuser aus Stein in Orongo

 Ein Teil des Kraters des Vulkans Rana Kao, den ganzen haben wir beim besten Willen nicht auf ein einziges Foto bekommen.

An unserem letzten ganzen Tag wollten wir uns die letzten Stätten nördlich des Hauptortes anschauen. Lad und Jana waren so lieb uns mit ihrem Mietauto ein gutes Stück mitzunehmen, sodass wir nicht weit gehen mussten um Puna Rau zu erreichen, wo die Hüte der Moais aus dem Fels geschlagen wurden. Dort lernten wir prompt ein Pärchen aus Hongkong und einen Bulgaren kennen, jeweils mit Megakameras und Mietwagen ausgestattet. Schnell boten sie uns an uns zum nächsten Ort auf der Strecke mitzunehmen, was wir natürlich nicht ausschlugen. Die Stätte Ahu Akiwi ist der einzige Ort auf der Insel wo die Moais in Richtung Meer blicken. Zwar bewachen sie auch hier einen Zeremonienplatz aber da der Ort im Landesinneren liegt und man auf einer Insel vom Landesinneren aus immer irgendwie aufs Meer blickt, tun das auch die Statuen. Zur Sonnenwende schauen sie übrigens genau in den Sonnenuntergang, waren ganz schön clever diese Rapa Nui.

 Die Moais von Ahu Akiwi

Ein weiteres Pärchen (er lebenslustiger Grieche, sie zurückhaltende Irin, ich frag mich wie das funktionieren kann) gesellte sich zu unserer Gruppe und zusammen machten wir uns an den Aufstieg auf den höchsten Punkt der Insel, den Maunga Terevaka (507 m), natürlich einem Vulkan. Es war viel weiter und dauerte viel länger als gedacht, aber am Ende schafften wir es alle und genossen den Blick über die Insel. Mr. Hongkong knipste unaufhörlich Bilder (er war ja auch Profi Fotograf) von denen einige wirklich supi sind.

Die Wandergruppe aufm Hügel, nur Hille war noch nicht mit dem Essen fertig.
 
Zurück beim Auto fuhren wir wieder Richtung Küste. Die Sonne ging schon fast unter als wir die Höhle Ana Kakenga erreichten. Glücklicherweise war eine Tahitianische Schulklasse gerade dort, sonst hätten wir den Eingang wohl kaum gefunden. Deren Lehrerin borgte uns dann auch noch eine Taschenlampe ohne die wir aufgeschmissen gewesen wären, so eng und finster war der Eingang. Nach einigen Metern Gekrieche wurde die Höhle aber breiter und heller und wir konnten den spektakulären Ausblick aufs Meer durch die zwei „Fenster“ der Höhle genießen. Dem Vulkangestein rundherum konnte man regelrecht ansehen, dass es einst flüssig gewesen sein musste. Je tiefer die Sonne sank, desto voller wurde die Höhle und so beschlossen wir den Sonnenuntergang von draußen zu beobachten, allein und ohne uns den Kopf zu stoßen. Es war wohl der schönste Sonnenuntergang den wir dort erlebten, der Himmel verfärbte sich ständig neu und unsere Kamera lief heiß.

Indiana Hille schaut aus der Höhle hinaus aufs Meer.
 
 Anja war auch da.

Der spektakuläre Blick aus einem der beiden Fenster der Höhle, diesmal ohne störende Hilles oder Anjas.

So eng war der Eingang.

Romantischer Sonnenuntergang, unser letzter auf der Insel.

Leider mussten wir tags darauf, am 10. Mai die Insel wieder verlassen, aber das Wetter war nun eh schlecht und wir hatten eigentlich alles gesehen. Mit diesmal 3 Stunden Verspätung landeten wir erst nach 22 Uhr in Santiago und gingen entlang der schon wieder dunklen Avenida Brasil zurück ins Hostel wo wir schon sehr bald tief und fest schliefen.

Highs und Lows der Osterinsel:
Highs: Eigentlich alles, die Insel, die Statuen, das Wetter, die Menschen, die wir dort kennenlernten. Wir können nur jedem empfehlen einmal dorthin zu fahren.
Lows: Eigentlich nur, dass wir wieder weg mussten und höchstens die Moskitos die sockenlosen Menschen bald auf die Nerven gehen und evtl. die Preise fürs Essen. Aber bei 3500 km bis zum nächsten großen Supermarkt kann man das auch irgendwie verstehen :-)

3 Kommentare:

  1. WOW , Kinder, ist ja Wahnsinn, das schaut ja wirklich voll super aus! Ich krieg gleich einen heftigen Anfall von akutem Fernweh!
    Übrigens, wg der Besiedlung: Habts ihr noch nie was von Thor Heyerdahl gehört? Dieser norwegische "Spinner" ist 1947 mit 5 anderen Norwegern von Peru aus mit einem Floß aus Balsaholz ("Kon-Tiki", näheres im Wiki))mit dem Humboldtstrom nach Polynesien gesegelt ( da gibts ein tolles Museum in Oslo!)um zu beweisen daß eine Besiedlung auch von Osten aus möglich war! Tolle Sache, hab alle seine Bücher gelesen !
    Willauchdortsein!!!!!!!!
    BussiM

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  2. isch des schian "boof"
    lg
    Ilse ( die bei Anna :)

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  3. hey!
    einfach beneidenswert eure fotos (mit den detailierten urlaubsberichten)
    wenn ich einmal groß bin, muß ich mir das alles auch mal anschauen :-)
    wünsch euch weiterhin noch eine schöne zeit u viel atemberaubende eindrücke ;-)

    lg roman

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