Am frühen Nachmittag des 1. Mai erreichten wir nach einer recht abenteuerlichen Busfahrt die Künstler- und Literatenstadt Valparaiso am Pazifik. Eigentlich wollten wir ins Zentrum gebracht werden, aber der Fahrer bzw. sein Servicemann warf uns schon etwas vorher regelrecht aus dem Fahrzeug und war schneller weg als wir schauen konnten. So wanderten wir Richtung Zentrum auf der Suche nach Informationen. Der Tag der Arbeit scheint in Chile generell recht ernst genommen zu werden, weswegen auch die Touristeninfo mit einer Kette und Vorhängeschloss verriegelt war. Was nun? Wir befragten unseren Lonely Planet und beschlossen einen der berühmten Aufzüge hinauf auf den Cerro Alegre zu nehmen und dort eine Unterkunft zu suchen, was uns nach einiger Zeit auch gelang. Natalie, eine dort arbeitende sehr nette Chilenoamerikanerin mit äußerst erstaunlichem Lebenswandel, fragte uns dann auch gleich ob wir denn verrückt seien am 1. Mai durch die Innenstadt zu spazieren und ob wir von den Demos und dem Tränengas nichts mitbekommen hätten. Hatten wir nicht, die polizeiliche Gewalt war wohl schon vorher siegreich gewesen. :-) Später an diesem Tag gingen wir die Avenida Alemania noch ein Stück weit bis zur Plaza Bismarck (man merkt den germanischen Einfluss in Chile) um die Aussicht dort zu genießen.
Allerdings war der Nebel so dicht, dass die Aussicht nicht besonders viel hergab. Den Abend verbrachten wir mit Resteessen (es war ja nix offen zum einkaufen) und mit einem sehr elitären Briten und einer Holländerin. Wir hatten schon bessere Abende.
Hille erklärt was man da so alles sieht
Tags darauf brachen wir zur großen Stadtbesichtigung auf. Wir gingen lange und weit, bewunderten die vielen Grafitis und anderen Wandbemahlungen, die überall in der Stadt zu finden sind. Sie reichen von einfachen gezeichneten Figuren über politisch motivierte Parolen und Portraits bis hin zu abstrakten und surrealen Grafiken (kenn mich mit den künstlerischen Fachbegriffen nicht so aus, ich nenns aber einfach mal so :-) ). Das heruntergekommene Äußere der Stadt passt, so finde ich, ideal zu ihrem künstlerisch-intellektuellen Charme. Zudem besteht die Stadt praktisch ausschließlich aus teils unglaublich steilen aber deswegen nicht minder dicht bebauten Hügeln, nur der Hafen und Teile der Innenstadt sind flach. Leider trübte der dichte Nebel die Aussicht ziemlich.
... in dieser bis in luftige Höhen dicht bebauten...
... aber teils recht heruntergekommenen Stadt.
Farbenfrohe Malereien überall
Der großartige (meine Meinung) Präsident Salvador Allende (1970-1973)
Wir wanderten den Cerro Alegre hinunter, hinauf zum Friedhof (mal wieder), auf den Cerro Belavista, der besonders bunt ist und wieder zurück in eine alte Markthalle wo wir uns gegen 16 Uhr ein erstaunlich günstiges, gutes und vor allem authentisches Mittagsmenü leisteten. Das winzige Restaurant im Obergeschoss der Halle war wohl ein Familienbetrieb. In der Küche standen zwei ältere rundlichere Frauen, die mit grantigem Gesicht liebevoll das Menu del Dia für uns zubereiteten. Die Tochter versorgte die Gäste schließlich mit den Speisen. Zum Nachtisch bekamen wir sogar eine Art Apfellikör als Verdauungsschnäpschen. Der Weg zurück ins Hostel war lange und ständig bergauf, aber teilweise lichtete sich der Nebel und wir bekamen den einen oder anderen Blick auf die Stadt.
Lange brauchten wir am nächsten Tag um uns zu entscheiden noch einen Tag in Valparaiso zu verbringen. Zum einen war das Hostel sehr schön, zum anderen hörten wir wenig Gutes über Santiago. Wir sollten es nicht bereuen. Zunächst gingen wir in den „gefährlichen“ Teil der Stadt, um uns den Hafen und ein Marinemuseum anzuschauen. Wir hatten uns perfekt gegen Taschendiebe ausgerüstet, aber am Ende war alles sehr gemütlich und ohne jedes Problem. Leider war das Museum wohl grad im Umbau begriffen, zumindest war es total leer aber die Aussicht war trotzdem schön. Abends lichtete sich endlich der immerwährende Nebel und wir konnten noch ein paar Bilder von der Plaza Bismark aus schießen.
Santiago de Chile, die große Hauptstadt des Landes, wo fast ein Drittel der Chilenen lebt ist so ganz anders als wir es vielerorts beschrieben bekamen. Es ist gar nicht hektisch, dafür sauber und recht gemütlich, der Verkehr zivilisiert und wir haben uns nie unwohl oder unsicher gefühlt. Insgesamt muss ich sagen gefiel es uns sehr gut dort, die Stadt wirkt eher europäisch als südamerikanisch. Viel zum Ansehen gibt es aber trotzdem nicht :-). Am frühen Nachmittag des 4. Mais kamen wir am Busbahnhof an. Der Weg ins Viertel Barrio Brasil (wurde uns von Natalie empfohlen) war wesentlich weiter als gedacht und Hostels wachsen selbst in diesem belebten Teil der Stadt nicht einfach so aus dem Boden. Etwas müde und schon genervt machten wir eine Pause und beschlossen eines der Hostels aus dem Lonely Planet aufzusuchen. Unterwegs kam ich dann endlich auf die glorreiche Idee einen Chilenen, der gerade Möbel auf der Straße bearbeitete nach einem Hostel zu fragen. Er verwies uns auf ein buntes Gebäude gleich gegenüber, das sich aber als Studentenwohnheim entpuppte.
Allerdings wohnte dort ein freundlicher Baske auf Austauschsemester, der sofort alle Hebel in Bewegung setzte um uns zu helfen. Keine 10 Minuten später holte uns eine Freundin ab und brachte uns in ihr nettes, kleines, neu eröffnetes und daher billiges Hostel fünf Minuten Fußweg weiter. Es war bereits später Nachmittag und wir hatten nach fast 3 Stunden Unterkunftssuche nicht mehr viel Lust etwas zu machen. Ein kleiner Spaziergang war trotzdem noch drin. Bei den „Los Brothers“ einer Snackbude von 3 Rastafaris, die es sich wohl zur Aufgabe gemacht hatten Gesundheit und Natur in der Großstadt zu versprühen genossen wir eine Rießenempanada mit Meeresfrüchten und bekamen sogar unseren ersten echten Fruchtsaft in Südamerika! Besonders lustig war es dann noch im Minimercado wo wir ein Bier (1 Liter Flasche) für den Abend kaufen wollten. Der Verkäufer war nämlich der erste der Österreich mit Fußball assoziierte und sich noch gut an die WM 1982 erinnern konnte, als das böse Österreich gegen Chile im Gruppenspiel gewann. Dass Chile auch die beiden anderen Gruppenspiele gegen Deutschland und Algerien verlor und sang- und klanglos ausschied erwähnte er aber nicht :-)
Unseren ersten vollen Tag in Santiago wollten wir eigentlich ruhig angehen, etwas herumspazieren und erneut am Markt ein Mittagsmenü genießen. Es kam anders. Nachdem wir am Hauptplatz (Plaza de Armas, natürlich) endlich eine qualifizierte Touristeninfo fanden planten wir unsere Route. Zunächst gings auf den Cerro Santa Lucia, einem grünen Hügelchen mit kleinem Fort mitten in der Stadt, wo verliebte Paar gerne ihre Freizeit verbringen und Körperflüssigkeiten austauschen. Wir genossen den Blick auf die vom Smog sehr gut abgeschirmten Berge und warteten die Mittagshitze ab.
Danach ging es weiter zum Cerro San Cristobal, einem schon wesentlich größeren Hügel etwas weiter außerhalb. Die Standseilbahn wollten wir uns nicht leisten, wir sind ja sportlich und so spazierten wir den recht steilen Wanderweg hinauf zur Statue der Jungfrau. Die Aussicht war schon sehr schön und wir waren stolz als einzige Touristen den Berg zu Fuß erklommen zu haben.
Der Cerro Santa Lucia umgeben von Hochhäusern
Jungfrau vom Berg. Zu der wollen alle hinauf, dabei ist sie gar nicht so hübsch...
Zurück am Fuße hatten wir schon riesigen Hunger und so suchten wir uns nach dem Zufallsprinzip eines der unzähligen Lokale im offensichtlich studentisch geprägten Viertel Bellavista aus. Eine Tafel pries uns eine Aktion für Pizzas an, die wir prompt auch ausnutzen wollten. Unsere Mägen knurrten und das Bier verfehlte ob der mangelnden Magenfüllung seine Wirkung nicht. Kurze Zeit später wussten wir dann auch warum die 2 Pizzen so günstig waren, sie füllten nämlich kaum den halben Teller. Aber sie waren mit sehr viel Käse beladen und somit dennoch ein reichhaltiger Snack. Es wurde bereits dunkel, als wir zurück gingen und der Weg war lang. Unterwegs wollte ich mir dann noch eines dieser überall angepriesenen Completos gönnen. Leider wusste ich nur ungefähr wie so ein Completo aussieht (der Name hätte mich eigentlich stutzig machen müssen) und so bestellte ich munter drauf los. Der Koch nahm auch prompt ein Würstchen und gab es in ein Hotdogbrot. Allerdings begann er nun jeden Millimeter des Brotes mit Tomaten, Krautsalat und sonstigen gesunden Dingen zu füllen. Viele werden meine Einstellung zu derartigem Essen kennen und verstehen, dass Anja den größten Teil essen musste. Früh packten wir an diesem Abend unsere Sachen zusammen und gingen ins Bett, denn wir hatten noch Großes für den nächsten Tag geplant.
Highs und Lows in Valparaiso und Santiago.
Highs: Valparaiso: Wundervolle Stadt, bunt und mit dem Charme einer Künstlerenklave, allerdings voller Hundeaa.
Essen am lokalen Markt: das werden wir jetzt öfters machen.
Unterkunft in Valparaiso: etwas teuer aber sehr schön und mit wundervollem Frühstück
„Los brothers“ ein echt bäriges, alternatives Lokal mit guten Empanadas.
Essen am lokalen Markt: das werden wir jetzt öfters machen.
Unterkunft in Valparaiso: etwas teuer aber sehr schön und mit wundervollem Frühstück
„Los brothers“ ein echt bäriges, alternatives Lokal mit guten Empanadas.
Lows: Touristeninfo am Busbahnhof in Santiago: 4 Mädels in einem kleinen Raum, die es kaum zustande brachten, den Busbahnhof auf dem Stadtplan (ohne Straßennamen!!!! Sowas haben wir noch gar nicht gesehen) zu finden, geschweige denn uns irgendwelche Infos geben konnten.















schön das euch santiago gefallen hat! habt ihr nicht an der free-tour teilgenommen und seid nicht cocktailtrinkend in the clinic gesessen, habt aber dafür den selben smog gesehen den ich auch schon hatte... schöne reise weiterhin!
AntwortenLöschenHoffe es geht euch gut, waren schon länger keine neuen blogeinträge hier. Bin gespannt auf die neuesten Abenteuer.
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