Früh morgens am 21. Mai kamen wir am Busbahnhof in Asuncion an und mussten eine schwere Entscheidung treffen. Sollten wir noch länger in Paraguay bleiben und über den abgelegenen, beinahe unbewohnten Chaco, den heißesten Flecken Südamerikas, nach Bolivien weiterreisen oder die „sichere“ (bessere Busverbindungen) Route über den Norden Argentiniens nehmen? Wir entschieden uns aus vermeintlichen Zeit- und Kostengründen für letzteres, eine Entscheidung, die wir später bereuten, aber wenigstens bleibt wieder etwas mehr, wofür es sich lohnt zurück zu kehren. Dennoch, dieser Tag war kein schöner für uns. Seinen Rest und die folgende Nacht verbrachten wir in sehr teuren Bussen auf dem Weg nach Salta, wo wir früh morgens ankamen. Viel Zeit hatten wir nicht, weswegen wir uns nur einen Tag für die Stadt nahmen und das angeblich so schöne Umland ganz ausließen. Aber wie wir von Bildern und Erzählungen wissen, haben wir so was Ähnliches eh schon gesehen.
Dank eines unerwarteten Zufalls war genau jener Tag in Salta, der 22. Mai, der (internationale?) Tag der Museen und alle Museen der Stadt waren gratis. So besuchten wir im Laufe des Tages gleich deren drei. Ein kleines wenig spannendes Geschichtsmuseum am Morgen, ein hübsches kleines Anthropologiemuseum am Nachmittag und das MAAM (Museo de Archeologica de Alta Montaña) am Abend. Dafür mussten wir zwar fast 1 Stunde lang Schlange stehen, durften aber die verschrumpelten alten Kindermumien, die in der Nähe gefunden wurden, bestaunen. Natürlich kam auch der Sport an diesem Tag nicht zu kurz, denn wir bezwangen die 1095 Stufen des Cerro San Bernardo (schon wieder ein Stationsweg), der über der Stadt thront und auf den auch eine Gondelumlaufbahn schweizer Bauart geführt hätte, welche wir gekonnt ignorierten (war ja auch nicht von Leitner). Um Mitternacht bestiegen wir schon wieder einen Bus, der uns endlich nach Bolivien bringen sollte.
Die dritte Nacht in Folge im Bus war ziemlich kühl und mittlerweile auch schon sehr anstrengend. In La Quiaca, der argentinischen Grenzstadt froren wir uns bei der Ankunft beinahe unsere Hintern ab, erst als die Sonne aufging wurde es etwas wärmer. Nach den üblichen Ausreisestempeln passierten wir erneut zu Fuß eine Grenzbrücke und waren erneut in einer anderen Welt. Zwar war es auch in Villazon (Bolivien) kalt, trotzdem hatten wir das Gefühl hier sei vieles ganz anders. Die Menschen, die Häuser, das Gefühl. Bald schon saßen wir im nächsten Bus, diesmal nach Tupiza, dem eigentlichen Ziel dieser Etappe. Keine 3 Stunden später erreichten wir diesen fast malerischen Ort auf knapp 3000 Metern Höhe und checkten in unser erstes Hostel seit langem ein. Allerdings war das Zimmer noch nicht bezugsbereit und so suchten wir zunächst Geld und etwas zum Essen. Ein sehr freundlicher alter Mann machte uns auf einen Comedor, eine Art kleine, private Mensa aufmerksam, die wir sogleich aufsuchten und für etwa 1,5 Euro ein köstliches 4 Gänge Menü erhielten.
Zurück im Hostel war es dann nach 102 Stunden endlich einmal wieder Zeit meine Schuhe ausziehen. Eine angenehme und bitter nötige Dusche später waren wir wieder fit und erkundeten den Ort auf der Suche nach Aktivitäten. Der Tourismus hat hier zweifellos seine Spuren hinterlassen, aber ich würde Tupiza trotzdem (noch) nicht als Touristenhochburg bezeichnen. Die Häuser im Zentrum machen einen soliden Eindruck, die Straßen sind sauber, die Menschen freundlich und die Märkte wundervoll. Allerdings war der Weg zum Mirador (Aussichtspunkt) am Cerro Corrazon de Jesus gar nicht ausgeschildert und wir brauchten 3 Anläufe um den Weg zu finden. So verpassten wir auch den Sonnenuntergang, die Berge rund um die Stadt leuchteten aber trotzdem in allen Farben. Hundemüde fielen wir an diesem Tag bereits um 7 ins Bett und konnten so richtig ausschlafen.
Tupiza
Am nächsten Morgen holten wir uns auf dem Markt ein sehr leckeres und reichliches Frühstück, schlürften einen warmen Quinuasaft mit Apfel und ich ließ mir 2 neue Löcher in meinen Gürtel stechen, was eine entsetze Reaktion beim Schuhmacher auslöste: ich solle doch mehr essen, so geht das ja nicht!
Nach dem Frühstück wanderten wir los, hinaus aus der Stadt. Zunächst führte uns unser Weg entlang der Bahntrasse nach Villazon, von der man meinen könnte, dass hier seit Jahren kein Zug mehr vorbei gekommen ist. Nach einigem Fragen und Suchen fanden wir dann auch den gesuchten Weg zur Puerta del Diablo, zwei senkrechten Felsplatten mit V-Ausschnitt und erreichten bald auch den Cañon del Inca, eine offensichtlich durch einen Erdrutsch vor längerer Zeit verschüttete Schlucht im Sandstein. Die Landschaft hier sieht aus wie im wilden Westen, bizarre Sandsteinformationen, karge, staubige Ebenen, Dornbüsche, Kakteen und sogar so eine Art Erdpyramiden prägten das Bild. Die Hügel waren aus lediglich über Sand lose zusammengekittetem Kies und verändern wahrscheinlich durch jeden starken Regenschauer ihr Gesicht. Nur der überall herumliegende Müll stört die Atmosphäre. Trotzdem war es am Ende eine sehr schöne Wanderung.
Wir vor der Puerta del Diablo
So was Ähnliches wie Erdpyramiden, die echten gibts natürlich nur am Ritten
Der Canon del Inca
Die bunten Berge von Tupiza
Und weil wir ja schon Erfahrung im Busfahren hatten nahmen wir auch gleich den nächsten Nachtbus weiter in die Bergbaustadt Potosi. Diese etwa 7-stündige Fahrt entpuppte sich als die ungemütlichste im bisherigen Reiseverlauf. Nicht nur, weil uns ein recht unangenehmer Geruch aus dem vollbesetzten Bus entgegen wehte und das Baby vor uns offensichtlich Spaß daran hatte mit pausenlosem Geschrei und Gequängel nicht nur seine Eltern sondern den halben Bus zu nerven, sondern auch, weil die Sitze dermaßen komisch geformt waren, dass man nur im Hohlkreuz sitzen bzw. liegen konnte und die Straße doch eher holprig war. Wir überlebten es trotzdem und konnten in Potosi sogar noch bis nach dem Sonnenaufgang im relativ warmen Bus warten.
Potosi ist eine Stadt mit Geschichte. Nachdem 1545 im Cerro Rico Silber gefunden wurde legten die Spanier an dessen Fuß auf über 4000 Metern Seehöhe die höchstgelegene Stadt der Welt an. Millionen einheimische und afrikanische (die aber wegen der Höhe meist schnell zu Grunde gingen) Sklaven schufteten daraufhin für über 250 Jahre unter unvorstellbaren Bedingungen in den Minen und sicherten somit die Weltmachtstellung Spaniens. Zeitweise war Potosi die größte Stadt Lateinamerikas und mit europäischen Hauptstädten wie Paris und London vergleichbar. Nach der Unabhängigkeit änderte sich an den Bedingungen in den Minen wenig, außer dass die Bergleute keine Sklaven mehr waren und „freiwillig“ in den Berg hineingingen. Heute sind die Silbervorkommen größtenteils erschöpft und der Berg um etwa 500 Meter niedriger als zu Beginn des Bergbaus. Trotzdem arbeiten heute noch 4000 bis 5000 Quechua-Männer unter mittelalterlichen Bedingungen in über 30 kooperativ organisierten Gesellschaften auf der Suche nach Silber, Zink, Kupfer und anderen Erzen. Einzig das Kauen von Kokablättern lässt die Kumpel diese harschen Arbeitsbedingungen ertragen. Viele haben einen dicken Knödel in der Wange.
Nachdem uns ein Bus ins Stadtzentrum gebracht hatte suchten wir gleich eine Agentur auf, die Minentouren anbietet, denn das wollten wir uns natürlich anschauen. Um 9 gings dann los Zunächst bekamen wir ein minentaugliches Übergewand und fuhren auf den Markt der Minenarbeiter, wo wir Geschenke für die Arbeiter (Alkohol, Zigaretten, Saft, Kokablätter und Dynamit) kauften und uns unser Führer, der selbst kurz in den Minen gearbeitet hatte, über ein paar Bräuche aufklärte. So versammeln sich die Arbeiter zum Beispiel jeden Freitag in den Minen beim tíó einer Götzenfigur mit großen Augen und großem Penis, trinken 96%igen Alkohol und bitten ihn, er möge gnädig sein. Der tió wird seit der Kolonialzeit in den Minen verehrt und symbolisiert den Teufel. Eigentlich kommt das Wort vom spanischen dio für Gott, da in der Sprache der Quechua der Buchstabe d aber nicht vorkommt wurde daraus tió. Seine teuflische Gestalt bekam er wohl dadurch, dass die Spanier für die Sklaven in den Minen regelrechte Teufel gewesen sein müssen. Zu besonderen Anlässen wird dem tió auch ein getrockneter Lamafötus geopfert, damit er dieses frisst, anstatt sich einen Minenarbeiter bei einem der zahlreichen Unfälle und Einstürze zu holen.
Auch wir probierten einen Schluck vom 96%igen Gesöff. Bevor man selbst in den „Genuss“ kommt werden die ersten Tropfen traditionell der Pachamama, Mutter Erde, geopfert, was den Vorteil hat, dass wenn man es richtig macht nicht mehr allzu viel in der Verschlusskappe übrig war. Geschmacklich zählte der edle Tropfen nicht unbedingt zu den Höhepunkten, aber er brannte auch weniger als erwartet, da das meiste bereit s beim ersten Kontakt mit dem Mund verdampfte.
Die Minentour war recht spektakulär. Ausgerüstet mit Helm und Stirnlampe (wobei sich meine nicht am Helm befestigen ließ) gingen wir durch einen belüfteten Hauptstollen in den Berg. Größtenteils mussten wir gebückt gehen, da selbst dieser wichtige Schacht selten hoch genug für uns war. Nach einiger Zeit verließen wir aber diesen Stollen und es wurde schlagartig wärmer. Teils gebückt, teils kriechend bewegten wir uns vorwärts, besuchten den tió, dem wir eine Zigarette opferten und tauchten immer tiefer in den Berg ein. An den Wänden schimmerte Asbest, die Luft war stickig und schlecht. Schließlich erreichten wir eine Höhle wo zwei schlacksige Männer große und kleine Erzbrocken in Kübel schaufelten, die dann mit einem Aufzug 2 Etagen höher gezogen und von dort ins Freie befördert wurden. Wir brachten unsere Geschenke an und machten uns auf in Richtung Ausgang. An einer Kreuzung kam uns ein Wagon voller Erz, geschoben bzw. gezogen von 3 Arbeitern aus einem anderen Tunnel entgegen. Die eher provisorisch wirkenden Schienen, die in den Hauptstollen verlegt waren hatten wohl schon einiges mitgemacht und für die Kreuzung stand sowieso nur eine längere Stange zur Verfügung, die je nach gewünschter Richtung als Weiche entsprechend hingelegt wurde. Als die Arbeiter den Wagon über besagte Stange zu schieben versuchten entgleiste dieser dann auch gleich. Es bedurfte viel Anstrengung und der Mithilfe eines Hilles um den schätzungsweise 2 Tonnen schweren Wagon wieder auf die Spur zu bringen. Nach insgesamt etwa 2 Stunden unter der Erde erreichten wir wieder den Ausgang und waren froh endlich wieder den Himmel zu sehen bzw. aufrecht stehen zu können. Die Anstrengungen, die diese Kumpel jeden Tag für 8 bis 10 Stunden ertragen müssen sind wirklich bemerkenswert und die gesundheitliche Belastung enorm. Nicht wenige der Arbeiter erkranken bereits nach wenigen Jahren an Asbestose oder anderen Formen von Staublungen. Eine Versicherung für derartige Erkrankungen gibt es nicht.
Die Minen mit Potosi im Hintergrund
Wir mit dem tió
So eng wars manchmal, ein Glück dass ich etwas abgenommen hab :-)
Ein minero bei der Arbeit. In seiner Wange kann man einen Knödel aus Kokablättern erkennen. Nur so lässt sich die Arbeit aushalten, sagt man.
Eine kleine, aber lustige Anekdote am Rande: als wir in Tupiza mit einem durchaus als kettenrauchend zu bezeichnenden Holländer über die Minen in Potosi sprachen meinte dieser mit Zigarette in der Hand, er würde niemals in die Minen gehen, denn dort gibt es überall Asbest :-) Das Gesundheitsbewusstsein mancher Menschen ist anscheinend ziemlich irrational.
Den Rest des Tages, es war ja erst Mittag, verlebten wir eher ruhig, aßen am Markt und schauten uns etwas das Stadtzentrum an. Besonders viel gibt es nicht mehr zu sehen, da die Stadt ihre besten Zeiten bereits lange hinter sich hat. Am Morgen des nächsten Tages begaben wir uns in Richtung Busbahnhof. Unterwegs bekamen wir unser bisher schrägstes Essen. Eine Quechua-Frau verkaufte auf der Straße Snacks. An sich nichts Außergewöhnliches und wir hatten Hunger also fragten wir was sie denn so habe. Wir beide verstanden die Antwort als irgendwas mit papa (Kartoffel), also bestellten wir und eines dieser Teile. Als wir es dann in der Hand hielten machte es aber eher den Eindruck eines frittierten Hühnchens. Na gut, auch nicht so schlimm. Als wir dann aber reinbissen, entdeckten wir ein ziemlich eindeutiges Kniegelenk, was für Hühnchen doch eher unüblich ist. Je mehr Panier in unseren Mägen verschwand, desto seltsamer wurde die Geschichte. Am Ende glaubten wir einen Huf entdeckt zu haben und sind heute der Meinung einen Babylamafuß gegessen zu haben, aber ganz sicher sind wir uns nicht. Und besonders viel Fleisch war auch nicht dran, eher Fett und Knorpel. Nichtsdestotrotz waren wir um eine Erfahrung reicher, beschlossen aber uns nun doch eher salteñas (gefüllte Teigtaschen) zuzuwenden. :-) Gegen Mittag bestiegen wir einen alten, klapprigen, vollbesetzten Bus, für den wir viel zu viel bezahlten, in Richtung Uyuni, unserem nächsten Ziel.















Super fotos
AntwortenLöschenHallo ihr beiden, ich hab's geschafft ein kommentar zu posten (zwar unter dem profil anonym, aber egal:) wuensch euch noch viel spass bei der restlichen reise! lg, astrid
AntwortenLöschenhighs und lows? ein high ist wohl auf jeden fall die umlaufbahn!UMLAUFBAHN!
AntwortenLöschenSeid ihr auf dem Ritten gewesen? Seilbahn, Erdpyramiden... habt ihr Loacker noch keine gefunden?
AntwortenLöschenJakob