Donnerstag, 25. August 2011

Misahualli


Von Latacunga aus war unser nächstes Ziel das Dörfchen Misahualli im Amazonasbecken. Da zufälligerweise der Touristenmagnet Baños auf dem Weg lag (Ecuador ist so schön winzig und es gibt nur gefühlte 4 Straßen im ganzen Land, da liegt schon mal was aufm Weg), legten wir davor dort halt noch einen Zwischenstopp ein. Dort hinzukommen war allerdings wesentlich schwieriger als erwartet. Wir mussten nämlich in Ambato, eine Stunde südlich von Latacunga umsteigen. Klingt einfach, war es aber nicht. Als wir am Busbahnhof ankamen, suchten wir nach einem Bus, in die richtige Richtung. In der Halle gab es auch mindestens 6 Ticketbüros, wo groß und deutlich Baños drauf stand. Das Problem war aber, dass es nur Busse gab, die über Baños weiter nach Puyo und Tena fuhren und in diese ließ man uns nicht einsteigen, der Busbegleiter versperrte uns sogar aktiv den Weg. Von verschiedenen Leuten bekamen wir immer wieder die Information, dass die Busse nach Baños von einem anderen Terminal abfahren würden und man dort nur mit dem Taxi hinkommt. Wir dachten gar nicht daran. Erst ein alter, einen etwas verwirrten Eindruck machender Mann, der seine Aufgabe wohl darin sah, Reisenden den richtigen Bus zuzubrüllen zeigte uns einen anderen Bus, ebenfalls nach Tena unterwegs. Dieses Mal ließ uns der Busfahrer einsteigen, aber nur unter der Bedingung, dass wir uns ganz hinten in den leeren Bus setzten. Na gut, wenigstens kamen wir weiter.

Offenbar hatte ein Erdrutsch vor einiger Zeit die Straße kurz vor dem Ferienort verlegt. Die Aufräumarbeiten waren noch in Gang und die Straße wurde deshalb immer wieder gesperrt, was unsere Ankunft um eine weitere Stunde verzögerte. Aber wir schafften es, juhu. Am Busbahnhof wurden wir gleich angesprochen und zu einem neuen, günstigen Hotel begleitet, angeblich mit WLAN im Zimmer. Dem war aber natürlich nicht so. Auf meine Beschwerde hin, sagte man mir ich könne ja in den Gang gehen und dort hätte ich dann ein Signal. Nach kurzer Beratung waren wir uns darüber einig, dass so ein Verhalten nicht belohnt werden sollte und verließen die Herberge wieder. Natürlich war nun keiner mehr an der Rezeption und auch schreien und warten half nix. So veränderte ich meine Passnummer etwas und schrieb einfach ins Gästebuch, dass wir gehen würden. :-)

Also ging die Suche weiter, es war aber nicht schwierig eine passende Unterkunft zu finden, immerhin ist jedes zweites Gebäude der Stadt ein Hostal. So super, wie es uns ein paar Leute auf Galapagos beschrieben hatten war der Ort jetzt aber nicht. Zwar liegt er recht schön in den Bergen und ist auch hübsch hergerichtet, mehr aber auch nicht. Die ganzen Aktivitäten wie Rafting, Bungeejumping, Canyoning usw. waren uns eh zu teuer, darum reichte uns ein Nachmittag völlig. Wir spazierten zur Statue der Virgen de la irgendwas (eigentlich dürfte es in Südamerika keine Menschen mehr geben, wenn alle Virgenes, die hier so rumstehen wirklich keusch geblieben wären), einem netten Aussichtspunkt hoch über der Stadt. Leider war der berühmte, hyperaktive Volcán Tungurahua in dichte Wolken gehüllt, sodass wir ihn überhaupt nicht zu Gesicht bekamen. Nach dem Abendessen bekamen wir sogar eine gratis Kostprobe der lokalen Süßigkeit (so eine klebrige Masse, aber recht gut), weil sie im Geschäft auf 10 USD nicht rausgeben konnten. :-) Auf dem Weg zurück ins Hostel liefen uns dann noch Fiona und Emma (die 2 Britinnen, mit denen wir das Abenteuer in Puno erlebt hatten) über den Weg. Es war sehr nett sie wieder zu sehen und etwas zu plaudern. Das wars auch schon mit Baños, es ist halt ein typischer Touristenort, wundervoll für manche, für uns aber nicht.

                              Baños

Gegen Mittag am 14. Juli gingen wir nach einem sehr guten Frühstück (Bollones mit Ei) zum Busbahnhof von Baños. Wir warteten keine Minute und schon saßen wir im Bus nach Tena. Die Strecke verläuft sehr schön entlang eines Flusses durch ein enges Tal. Überall gibt es Wasserfälle, üppiges Grün färbt die Hänge und die touristische Infrastruktur ist ausgezeichnet. Mit der Zeit wurde das Land immer flacher, die Vegetation immer tropischer und die Temperatur immer heißer. Nach über 4 Stunden kamen wir endlich in Tena an. Es war heiß und schwül als wir nach einem Bus nach Misahualli suchten. Erneut warteten wir keine Minute. 

Misahualli ist ein kleines Dorf am Zusammenfluss zweier Flüsse. Es ist berühmt für seinen Strand mitten im Dschungel, auf dem angeblich eine Affenhorde sein Unwesen treibt. Zum ersten Mal auf unserer Reise passierte es uns nun, dass wir nicht sofort eine Unterkunft fanden. Wir fragten bei mehreren Stellen, die aber alle entweder zu teuer und/oder voller (ecuadorianischer) Touristen waren. Erst als wir zum wiederholten Male an einer Agentur vorbei gingen eröffnete uns ein junger Mann dort, dass er Cabañas etwas außerhalb des Ortes habe.

Ein junger Bursche begleitete uns dorthin und wir waren vom ersten Moment an begeistert. Zwar geht man etwa eine halbe Stunde vom Dorf aus, dafür ist man dann mehr oder weniger mitten im Dschungel. Die Anlage besteht aus mehreren Schlafhütten mit Strohdach, verteilt über einen winzigen Hügel und umgeben von allerlei saftig grünem Gestrüpp. Zudem gibt es ein Restaurant und ein paar weitere Hütten für andere Aktivitäten. Nur Strom gab es keinen, das machte aber überhaupt nix. Wir bezogen unsere eigene Hütte mit Doppelbett, Kompostplumpsklo und Flusswasserdusche. Es wurde bereits langsam dämmrig als wir zu einem kleinen Spaziergang am Flussufer entlang aufbrachen. Wir wollten der indigenen Gemeinde von Shiripuno, die wir bereits beim Hergehen durchquert hatten noch einen Besuch abstatten. Zufällig war an diesem Tag gerade die Zeugnisübergabe für die kleinsten Schüler und deshalb Partystimmung. In der Schule wurde laute Musik gespielt und Kinder und ihre stolzen Eltern tanzten dazu oder unterhielten sich miteinander. Schon bald wurden wir von einer jungen Frau angesprochen. Sie war die Chefin der lokalen Frauenkooperative, die sich um die Cabañas kümmert und somit für die Frauen des Dorfes eine Beschäftigung und ein kleines Einkommen garantierte. Sie erklärte uns, wann und wo das Abendessen stattfindet und welche Aktivitäten wir am nächsten Tag machen konnten.

Aussicht von unserer Hütte auf den Dschungel und den Fluss

 Ein animalischer Dauergast in der Anlage. Jede Nacht kroch dieses prachtvolle Exemplar exakt an der gleichen Stelle hervor und wartete...

Unsere Hütte von außen

 
Besagtes Abendessen war lecker und reichlich. Wir teilten unseren Tisch mit zwei Spaniern, Mutter und Sohn, die eine zweitägige Dschungeltour hinter sich hatten und sehr davon schwärmten. Das Gespräch verlagerte sich aber im Laufe der Zeit immer mehr in die Richtung der recht redseligen spanischen Dame, sodass wir kaum noch zu Wort kamen. :-) Außerdem wohnten hier noch 5 junge Voluntäre aus Frankreich, die jeden Vormittag etwas bei der Feldarbeit halfen und dafür kräftig zur Kasse gebeten wurden und ein französischer Architekt, der gegen Kost und Logis seine Künste anbot und ein neues Restaurant plante und bauen wollte.
Unsere erste Nacht im Dschungel war herrlich. Wir waren überrascht wie wenig Moskitos und anderes stechendes Zeug uns attackierte und die Geräuschkulisse war sagenhaft. Unzählige Grillen und anderes Getier sagen in die Nacht hinaus und erfüllten die Luft mit ständigem Surren und Zirpen. So schliefen wir ausgezeichnet unter unserem Moskitonetz.

Bereits früh gingen wir am nächsten Tag frühstücken, denn um 8 hatten wir uns zu einer kurzen Dschungeltour verabredet. Um halb 9 tauchte dann endlich Marta, unsere Führerin, auf. Auch sie war eine Frau aus dem Dorf und ihr grimmiger Blick ließ uns anfangs nichts Gutes erhoffen. Zunächst war die Stimmung auch etwas unterkühlt, das änderte sich aber als Marta merkte wie interessiert wir an dem waren, was sie uns erzählte. Wir gingen ein Stück den Fluss entlang und bastelten uns eine Krone aus Blättern. Dann spazierten wir, unter Zuhilfenahme ihrer Machete weiter in den Wald hinein. Marta zeigte uns diverse Pflanzen, deren heilende Wirkung von den Indigenen noch heute gegen verschiedene Krankheiten und v.a. gegen Unfruchtbarkeit genutzt werden. Außerdem zeigte sie uns eine Meerschweinchenfalle, wir bastelten selbst eine Fischfalle, pflanzten und ernteten Maniok, durften Kakaobohnen lutschen und eine wilden Pomelo schlürfen. Wir waren von der Vielfalt und dem Reichtum des Waldes begeistert.

Marta zeigte uns auch wie die Dächer der Hütten aus Blättern konstruiert werden.

Natürliches Anti-Schuppen-Shampoo, hergestellt durch einfaches verreiben eines bestimmten Blattes

Maniok oder Yuka oder Kassava (je nach Kontinent), frisch geerntet

Dschungelprinzessin Anja...

... und wilder Krieger Hille

Hille beim Basteln einer Fischfalle. Das Ergebnis war nicht so berauschend und Marta tat sich schwer noch etwas Brauchbares daraus zu machen :-)

  Frisch geerntete Kakaofrucht. Das weiße schleimige Zeug um die Bohnen herum kann gelutscht werden und schmeckt lecker nach Litschi.
 
Doch mit dem Spaziergang war die Tour noch nicht beendet. Zurück bei den Cabañas kamen wir in den Genuss selbst Schokolade herstellen zu können. Wir bemerkten bald, dass das keine Hexerei ist und hatten viel Spaß bei der Arbeit (siehe Bilder).

Zuerst werden die Kakaobohnen 2-3 Tage getrocknet und dann geröstet bis sie schwarz sind...

... anschließend werden die gerösteten Bohnen geschält...

... und zu Pulver verrieben. Dieses Pulver wird mit Zucker und Milchpulver gemischt und noch einmal gerieben...

... dann werden etwaige Schweinereien beseitigt und der Arbeitsplatz gesäubert...

 ... und wenn man ganz brav war und das Pulver in etwas Wasser löst erhält man lecker Schokolade, sogar mit Banane

Krönender Abschluss des Vormittages war ein spektakuläres Mittagessen mit Fisch und gebratenem Meerschweinchen, das Marta aus einer der Fallen im Dschungel mitgenommen hatte.

Erbeutetes Meerschweinchen aus dem Dschungel

 Lecker Mittagessen mit Fisch und Meerschweinchenviertel (rechts unten)

Allerdings ließen wir uns anschließend zu einem fatalen Mittagsschläfchen auf der Veranda unserer Hütte hinreißen. Zunächst merkten wir nichts davon, aber nach etwa eineinhalb Stunden im Schatten des Strohdachs, umgeben von unzähligen Ritzen und Spalten, hatten wir beide plötzlich hunderte (und das ist keine Übertreibung) Moskitostiche an unseren Körpern. Das fiese daran ist, dass diese Viecher dermaßen klein sind, dass man sie nicht fliegen sieht und dass die Stiche erst weh tun, wenn es eh schon zu spät ist. Besonders nachts litten wir in den folgenden Tagen an teils nicht auszuhaltendem Juckreiz und übten uns im Gebrauch unschöner Wörter.

An diesem Freitagnachmittag war die Welt aber noch in Ordnung. Wir spazierten nach Misahualli und zum „Arbol gigante“, einem wirklich gigantisch großen Baum eine halbe Stunde weiter. Wir waren schwer beeindruckt von den Ausmaßen dieses Ungetüms. Der Mann aus der Agentur, der uns die Cabañas vermittelt hatte, hatte uns erzählt es bräuchte 38 (oder so) Menschen, um den Baum zu umarmen und das war keine Übertreibung. 

 Anja vor dem großen Baum. Der ganze ging leider nicht aufs Foto

Die letzten Nachmittagsstunden verbrachten wir dann am Strand wegen dem wir eigentlich hierhergekommen waren. Er liegt wirklich sehr schön gelegen am Fluss und wir konnten uns kurz im Wasser abkühlen. Allerdings mussten wir uns dann bald vor den Moskitos, die in der Dämmerung auf die Jagd gingen in Sicherheit bringen, sprich wieder anziehen und aufbrechen. Affen sahen wir auch welche. Waren die am Strand zunächst noch etwas scheu, machten nach Einbruch der Dunkelheit einige dieser Kameraden ziemlich selbstbewusst den zentralen Platz von Misahualli unsicher. Glücklicherweise hatten wir unsere Lampe mit und so war der Rückweg im Dunkeln kein Problem. Anstatt eines teuren Abendessens verputzten wir eine Pomelo, den uns Marta geschenkt hatte und verzogen uns bald unters Moskitonetz, wo wir uns einen nicht unerheblichen Teil der Nacht dem Vergnügen des „sich Kratzens“ hingaben.

Strand im Dschungel mit Taxibooten

 Süßes kleines, etwas unscharfes Affi

Diese Nacht stellte auch das vorläufige Ende unserer Dschungelausflüge dar, denn am nächsten Tag fuhren wir weiter bis nach Quito. Erneut mussten wir in Tena Bus wechseln, erneut ging das wahnsinnig schnell. Allerdings fragten wir uns, ob wir in Anbetracht der Geschwindigkeit, mit der der Bus anfangs fuhr jemals dort ankommen würden. Glücklicherweise entpuppte sich das anfängliche Schneckentempo nach etwa einer Stunde als vorbei gehende Modeerscheinung und wir erreichten Quito sicher und wohlbehalten am späten Nachmittag.

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